Verschiedene Auffassungen Wilhelms I. und Bismarcks in der belgischen Frage. 27
den Niederrhein mitgesprochen haben werden), schon an dem Abekenschen Entwurf einer
Instruktion für Graf Bernstorff (s. Nr. 1344) vieles auszusetzen gehabt hatte, stiegen ihm
nach der Lektüre eines Artikels der belgischen „Indépendance“ neue Zweifel auf. Er gab
ihnen in dem folgenden Billette Ausdruck: „Die heutige „Indépendance“ enthält Andeutungen,
daß England bereits in der Belgischen Frage erkalte!“ Wäre es daher doch nicht rathsam,
außer dem Zusatz im Schluß in der Dépèche, die Sie mir gestern vorlasen, auch in einigen
Stellen, die ich gleich als Belgien von unserer Seite zu sehr abandonirend darstellend, —
zu modificiren? Ich fürchte sonst, daß England durch ansere zu große Lauheit, ganz und
noch erkalte, was in unserem Interesse nicht liegen kann, weil sonst Belgien dem
Schicksal, von Frankreich erst englobirt und dann ganz von Frankreich gefressen zu werden,
nicht entgehen würde.“ Bismarck suchte dem Könige seine neuen Bedenken in einem kurzen
Immediatbericht auszureden. Das scheint aber nicht gelungen zu sein; jedenfalls unterblieb
die Absendung der Instruktion nun ganz. Darüber unterrichtet eine kurze Aktennotiz Abekens
vom 22. März: „Nach gehaltenem Vortrag bei Seiner Majestät dem Könige hat Seine
Exzellenz der Herr Minister bestimmt, daß der in mundo anliegende Erlaß an Graf Bernstorff
No. 144 vom 16. d. M. nicht abgehen, sondern bei den Akten asserviert werden solle.“
Berlin, den 16. März 1869.
Eurer Königlichen Majestät habe ich die Ehre den allergnädigst befohlenen Zusatz am
Schluß der Depesche an den Grafen Bernstorff in der Anlage¹ ehrfurchtsvollst vorzulegen.
Ich darf glauben, daß durch denselben Eurer Königlichen Majestät Intentionen entsprochen
und der Botschafter in die Lage gesetzt werde, der Königlich Großbritannischen Regierung
die Zuversicht auf die Haltung Preußens, deren sie etwa bedürfen möchte, zu geben.
Weiter zu gehen und in der Depesche selbst noch durch Änderungen der auf Preußens
Haltung bezüglichen Stellen aus der Zurückhaltung herauszutreten, würde ich im Hinblick auf
die gebotene Vorsicht nicht raten können. Ein Artikel der „Indépendance Belge“ dürfte in
Bezug auf die von England zu erwartende Haltung keine maßgebende Bedeutung beanspruchen.
Dies Blatt wird zwar vielfach von Paris, von Wien und von uns inspiriert; und
es pflegt auch die Artikel, welche ihm von allen drei Orten zugesandt werden, bereitwillig
aufzunehmen; aber es steht in gar keinen Beziehungen zur englischen Regierung, und es lassen
sich daher auf die Stimmung und die Absichten der letzteren keine Schlüsse aus der „Indépendance
Belge“ ziehen. Sollten indes wirklich schon jetzt Symptome vorhanden sein, welche
auf ein Erkalten Englands hinwiesen, so würde dies meines alleruntertänigsten Erachtens
nur ein Grund mehr sein, die Linie einer vorsichtigen Zurückhaltung nicht zu überschreiten.
Schlußbemerkung König Wilhelms I.:
Mit anliegendem Schlußsatz zur Dépèche bin ich einverstanden, weil er die von mir
verändert zu sehen gewünschte Stelle der Dépèche mildert. Dies wünschte ich deshalb, weil
schon einmal falsch verstandene Äußerungen über Belgien den Glauben erweckten, wir hätten
nichts gegen dessen Einverleibung in Frankreich, was sehr entmuthigte, was ich nie wünschen
kann. Vorsicht will auch ich, was ich von Anfang an bezeichnet habe mit: nicht die
Kastanien pp. W. 17. 3. 69.
*1346. Telegramm an den Botschafter in London
Grafen von Bernstorff.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.]
Am 17. März hatte der belgische Gesandte in Berlin Boron Nothomb dem Unterstaatssekretär
v. Thile mitgeteilt, daß in dem französisch=belgischen Eisenbahnkonflikt eine wesentliche
Entspannung zu erwarten sei, nachdem sich die belgische Regierung mit der französischen über
¹ Die Anlage entspricht dem letzten Absatz des voraufgehenden Schriftftücks (Nr. 1344), wird daher hier nicht wiederholt.