Full text : Die Weltgeschichte. Dritter Theil. Die neue Zeit. (3)

Der  russische  Feldzug.  377

zurück;  die  Erbitterung  der  Russen  war  durch  den  Brand  Moskaus  noch
gestiegen,  denn  nur  wenige  wußten,  daß  er  durch  Rostopschin  angelegt
war,  das  Heer  und  das  gemeine  Volk  glaubten,  die  Franzosen  hätten
die  heilige  Stadt  den  Russen  zum  Schimpfe  den  Flammen  überliefert.
Napoleon  mußte  sich  zum  Rückzug  entschließen,  weil  er  einen
Winterfeld  zug  gegen  Petersburg  mit  feinem  geschwächten  und  entblößten
Heere  nicht  wagen  konnte.  Am  19.  Oktober  begann  die  rückgängige
Bewegung,  und  zum  Abschiede  wurde  (am  23.)  der  Kremlin,  die  alte
Zarenburg,  in  die  Luft  gesprengt.  Die  große  Armee  zog  die  Strecke
von  Moskau  über  Malo-Jaroslawez,  wo  ein  nichts  entscheidendes  Treffen
gegen  Kutusow  stattfand,  den  gleichen  Weg,  den  sie  gekommen  war,  und
hatte  sie  schon  damals  Mangel  gelitten,  so  fand  sie  jetzt  um  so  weniger
Lebensmittel  und  es  begann  eine  schreckliche  Noth.  Zu  allem  Unglück  brach
der  ussische  Winter  mit  seiner  ganzen  Strenge  schon  am  6.  November
ein;  zuerst  unterlagen  die  halbverhungerten  Pferde  zu  tausenden  und
bald  auch  die  Soldaten.  Ueber  300  Stunden  Weges  zogen  sie  durch
eine  Schneewüste,  fast  ohne  alle  andere  Nahrung  als  das  Fleisch  der
gefallenen  Pferde,  ohne  warmes  Kleid  und  ohne  Schuhe,  verfolgt  von
den  ergrimmten  Russen,  die  mit  allen  Bedürfnissen  versehen  der  Winterkälte
  leichter  Trotz  bieten  konnten.  So  mußte  die  große  Armee  zu
Grunde  gehen;  die  Leichen  häuften  sich  an  beiden  Seiten  des  Weges;
von  den  Lebenden  sorgte  jeder  nur  für  sich  selbst,  die  Bande  der  milikärischen
  Disciplin  und  der  Kameradschaft  lösten  sich  auf.  An  der
Beresina,  einem  Nebenflusse  des  Dniepr,  wurde  das  unglückliche  Heer
von  den  Russen  eingeschlossen;  denn  nach  dem  Friedensschlusse  von  Bukarest
  war  das  russische  Heer  unter  Admiral  Tschitschagow  von  der
tukischen  Gränze  aufwärts  gezogen  und  am  andern  Beresinaufer  angekommen.
  Aber  Napoleon  hatte  unter  Oudinot  und  Viktor  aus  Polen
her  eine  Heeresabtheilung  herbeiziehen  können,  und  dies  machte  es  ihm
möglich  sich  durchzuschlagen.  „Die  Tage  der  Beresina“,  26.  bis  29.
November,  waren  entsetzlich;  einen  vielfach  überlegenen  rachedurstigen
Feind  vor  und  hinter  sich,  dazwischen  einen  tiefen  Fluß  mit  sumpfigen
Ufern  und  nur  zwei  Brücken  (bei  Studianka)  zum  Uebergange!  Dennoch
bahnte  sich  Napoleon  mit  18,000  kampffertigen  Kriegern  einen  Weg
durch  die  Russen,  aber  nur  mit  entsetzlichem  Verluste.  Denn  als  der
Weg  geöffnet  war,  entstand  bei  der  nachziehenden,  größtentheils  wehrlosen
  Masse  ein  gräßliches  Gedränge;  jeder  drückte  vorwärts;  die  einen
wmden  in  den  Fluß  hinuntergestoßen,  andere  umgeworfen  und  von  den
Hufen  der  Rosse  und  den  Fußtritten  der  Kameraden  zermalmt,  und  in
diesen  Knäuel  schlugen  die  Kugeln  der  verfolgenden  Russen.  Ungezählte
nausende  kamen  da  um  oder  trieben  mit  den  Eisschollen  der  Beresina.
Von  da  ging  die  Flucht  weiter  und  weiter;  auch  im  lithauischen  Wilna