Volltext : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

190  Buch  II.  Kap.  3.

Minnesänger  nun  legte  einen  Widerschein  von  der  Gloriole
  der  jungfräulichen  Gottesmutter  um  jedes  schöne
Frauenhaupt.  Das  Weib  wurde  recht  eigentlich  zur
Krone  der  Schöpfung  hinaufidealisirt,  und  wie  Maria
die  Herrin  des  Himmels,  so  war  die  Frau  die  Herrin  der
Erde,  die  Blüthe  der  Schöpfung,  der  Mittelpunkt  der
Gesellschaft.  Wie  manchen  derben  Nackenschlag  diese
Idealisirung  der  Weiblichkeit  von  Seiten  der  Wirklichkeit
des  mittelalterlichen  Lebens  empfing,  wie  oft  die  ritterliche
Minne  aus  den  ätherischen  Regionen  in  das  Gebiet  sehr
materieller  Bedürfnisse  herabplumpte,  immerbin  war  der
Einfluß  der  Frauen  zur  Hohenstaufenzeit  ein  sittigender,
bildender  und  von  ihnen#geht  hauptsächlich  der  dichterische

Schmieget  die  zertret'ne  Hölle  sich.

Wenn  die  goldnen  Lichter  im  Azure

Freundlich  auf  die  Erde  niedergrüßen,

Wenn  belebend  frische  Winde  wehen,

Ströme  wachsend  durch  die  Lande  wogen,

In  der  Erde  Schooß  der  Same  keimt,

Sich  der  Keim  zu  off'ner  Pracht  entfaltet  —

Deiner  Macht  und  Güte  Wirkung  ist's!

Es  erfüllet  deiner  Majestät

Jede  Brust  durchbebendes  Gefühl

Das  Gevögel  in  dem  Luftbezirk,

Das  Gethier  in  Waldung  und  Gebirg,

Das  Gewürme,  das  im  Staube  kreucht,
Das  Gewimmel  in  dem  Flutbereiche.

Denn  es  ist  dir  Alles  unterthan,

Dir,  Gebieterin  im  Weltenall!