Full text : Die Finanz- und Zollpolitik des Deutschen Reiches.

getragen  werden.  Alle  jene  einander  entgegengesetzten  Strömungen
  und  Bestrebungen,  die  der  Verfassung  des  Deutschen
Reiches  bald  einen  mehr  unitarischen,  bald  einen  mehr  föderalistischen
  Charakter  aufgeprägt  hatten,  mußten  sich  hier  wieder  geltend
machen,  während  gleichzeitig  im  Untergrund  die  Gegensätze  der
neuen  volkswirtschaftlichen  Gestaltungen  und  weltwirtschaftlichen
Beziehungen,  die  das  letzte  Jahrzehnt  in  Deutschland  schärfer  und
tiefer  als  in  anderen  Ländern  hatte  hervortreten  lassen,  lebendig
wurden.  Der  sich  hieraus  ergebende  Interessenkampf  war  zunächst
weniger  eingestellt  auf  den  Gegensatz  zwischen  West  und  Öst,
zwischen  Agrarstaat  und  Industriestaat,  als  auf  den  alten  Widerstreit
  aus  dem  Zollverein  zwischen  dem  schutzzöllnerisch  gesinnten
Süden  und  dem  freihändlerischen  Norden,.  mit  dem  Unterschiede
freilich,  daß  ersterer  inzwischen  im  Westen  und  Osten  mehr  und
mehr  Anhang  gefunden  hatte  Nicht  mehr  standen  nur  industrielle
  Interessen  den  merkantilen  gegenüber,  sondern  auch  die
Landwirtschaft  gelangte  allmählich  in  einen  Gegensatz  zu  den
Handels-  und  Schiffahrtsinteressenten.

Wenn  irgendwo,  so  waren  hier  die  starken  Jagdtiere,  die
der  Jäger  Bismarck  sich  wünschte,  zu  finden!).  Wo  aber  war  für
die  Lösung  solcher  Aufgaben  eine  Reichstagsmehrheit  zu  erlangen?
Die  bisherige  Mehrheit,  die  übrigens  zusammengeschmolzen  war,
hatte  nach  Bismarcks  Meinung  versagt;  nach  dem  Abbruch  der
Verhandlungen  mit  Bennigsen,  der  gerade  wegen  gewisser  strittiger
  Punkte  des  Reformprogramms  erfolgte,  war  von  ihr  wenig
zu  erhoffen.  Bismarck  mußte  Anlehnung  an  die  Rechte  und  das
Zentrum  suchen.  Die  Gelegenheit  dazu  bot  jene  Mehrheit,  die,
wie  schon  erwähnt,  am  gleichen  Tage,  an  dem  das  Sozialistengesetz
  zur  Annahme  kam,  unter  dem  Namen  Freie  wirtschaftliche
  Vereinigung  die  schutzzöllnerisch  Gesinnten  des  Reichstags
  vereinigte.  Diese  Reichstagsmehrheit  setzte  sich  zusammen
aus  den  beiden  konservativen  Fraktionen,  dem  Zentrum  und  25
Nationalliberalen.  Von  dieser  interfraktionellen  Gruppe  konnte
der  Kanzler  erwarten,  daß  sie  seinen  Plänen  geneigt  sein  würde.

Hatte  vor  den  Reichstagswahlen  die  Regierung  noch  eine
entschiedene  Stellungnahme  zu  den  handelspolitischen  Fragen  vermieden,
  so  war  jetzt  keine  Zurückhaltung  mehr  geboten’).  Schon

})  Vergl.  oben  S.  124,  Anmerkung  I,  aber  auch  Tiedemann,  a.a.  O.,  S.  132/33.

2)  Vor  den  Wahlen  schrieb  die  Provinzialkorrespondenz  vom  26.  Juni  1878:  „Die
Regierung  erstrebt  die  Festhaltung  der  seit  Gründung  des  Zollvereins  stetig  beachteten
grundsätzlichen  Gesichtspunkte,  sorgliche  Wahrung  der  tatsächlichen  Interessen  und  Zedürfnisse
  des  gesamten  nationalen  Verkehrs,  der  Produktion  und  der  Konsumtion.“