Volltext : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

172  Zweites  Buch.  Die  Zeit  der  Anläufe,  Enttäuschungen  und  Irrungen.

gegen  Frankreich  nichts  haben  ausrichten  zu  können,  ja  ihm
eigentlich  für  die  gewährte  Schonung  dankbar  sein  zu  müssen.
Dazu  kam  des  Kurfürsten  Verstimmung  und  Unzugänglichkeit.
Stets  ein  Freund  der  Einsamkeit,  gab  er  dieser  Neigung  noch
mehr  nach  als  sonst:  er  floh  die  Gesellschaft  und  erschien  denen,
die  ihm  nahe  kamen,  befangen  und  verlegen.  Denn  schwer
lastete  auf  ihm  das  Verdammungsurteil,  das  die  öffentliche
Meinung  in  Deutschland  über  ihn  aussprach:  als  ob  er  sich
schämte,  zog  er  sich  seit  der  letzten  Schilderhebung  und  dem
ihr  überraschend  gefolgten  Frieden  möglichst  zurück.  Nur  von
der  Kurfürstin  Dorothea  begleitet,  ging  er  auf  Tage,  oft  auf
Wochen  hinaus  in  entlegene  Jagdreviere,  unbekümmert  um  den
dadurch  veranlaßten  Stillstand  der  Geschäfte,  zuweilen  wohl
froh,  peinliche  Erörterungen  fürs  erste  zu  vermeiden.  So  hatte
er  sich  jetzt  nach  dem  ehemaligen  Kloster  Himmelstädt  in  der
Gegend  von  Stolp,  nahe  der  pommerisch-polnischen  Grenze,  begeben,
  und  Verjus  blieb,  nachdem  er  einige  Zeit  in  VBerlin
vergeblich  gewartet,  nichts  übrig  als  ihn  dort  aufzusuchen.  Der
Empfang  war  frostig  und  verlegen,  erst  die  Kurfürstin  brachte
einen  zwangloseren  Verkehr  zuwege.  Drei  Tage  blieb  Verjus
bei  dem  fürstlichen  Paar,  und  es  wird  Friedrich  Wilhelm  nicht
misfallen  haben,  wenn  der  gewandte  Franzose  zu  erkennen  gab,
er  wisse  sehr  wohl,  wie  Großes  der  Kurfürst  in  dem  letzten
Feldzug  geleistet  haben  würde,  hätten  ihn  nicht  die  Eifersucht
und  der  böse  Wille  der  Kaiserlichen  gehindert,  die  ihre  Truppen
geschont  und  die  seinigen  geflissentlich  ausgesetzt  hätten.  Eine
ernste  Erörterung  der  von  ihm  überbrachten  Anträge  begann
aber  erst  nach  des  Kurfürsten  Rückkehr  in  Berlin  (19.  August):
Schwerin,  Meinders  und  von  JZena  wurden  dazu  bevollmächtigt.

Aber  auch  der  kaiserliche  Gesandte  von  Goes  steigerte  seine
Anerbietungen.  Verjus  sah,  die  Abneigung  gegen  Frankreich
und  der  Zorn  über  den  Kaiser,  die  Furcht  vor  den  Heeren  des
Königs  und  die  Neigung  zu  den  Niederlanden  hielten  einander
noch  die  Wage.  Auf  seine  Frage,  was  Brandenburg  im  Fall
eines  französisch-spanischen  Krieges  thun  werde,  erhielt  er  die
Antwort,  die  spanischen  Niederlande  seien  ein  Teil  des  Reichs,
es  müsse  daher  ein  Heer  halten;  dazu  brauche  es  30  000  Thaler