Full text : Europäischer Geschichtskalender. Fünfundzwanzigster Jahrgang. 1884. (25)

Franbreich.  (April  8.)  251

in  das  aktive  Heer  (5  Jahrgänge),  die  Reserve  des  aktiven  Heeres  (1  Jahrgänge),
  die  Territorialarmee  (5  Jahrgänge)  und  die  Neserve  der  Territorialarmee
  (die  6  ältesten  Jahrgänge  bis  zum  40.  Lebensjahr)  einteilte.  Um
diese  außerordentlich  schwere  Dienstverpflichtung  für  die  gebildeten  Slände
zu.  mildern,  ohne  dem  Heerwesen  zu  schaden,  führte  man  genau  nach  dem
deütschen  Vorbilde  den  Einjährig-Freiwilligen-Dienst  ein,  in  der  Voraussebung,
  daß  die  jungen  Lente,  welche  die  höheren  Schulen  besucht  oder  ihre
Schulbildung  durch  ein  besonderes  Erxamen  dargethau  hätten,  den  nötigen
Grad  militärischer  Ausbildung  schueller  erreichen  und  das  geeignete  Material
für  Reserveoffiziere  abgeben  würden.  Auch  im  übrigen  schmiegte  sich  die
Neuordnung  des  französischen  Heerwesens  dem  deutschen  Muster  mehr  als
genau  an.  Das  ganze  Land  ward  in  18  Korpsbezirke,  diese  wieder  in  8  Subdivisionsbegirke
  geteilt,  welch’  letztere  genan  den  deutschen  Landwehrbezirkskommandos
  entsprechen.  Auch  der  Betrieb  des  Aushebungsgeschäftes,  die
Kontrolle  der  Maunschaften  des  Beurlaubtenstandes  (Reserve=  und  1  Territorialarmee),
  sowie  die  Einziehung  derselben  zu  wiederholten  Dienstleistungen  behufs
  Wiederauffrischung  ihrer  militärischen  Kenntnisse  regelte  sich  dem  dentschen
Verfahren  entsprechend.  Nur  die  Nekrutierung  der  Truppenteile  aus  den
Provinzen,  in  welchen  sie  ihre  Standorte  haben.  widersprach  zu  sehr  den
Ansichten  und  Erfahrungen  der  französischen  Staatsmänner  und  Militärs,
man  hielt  die  M  eöglichtet  eine  Erwachens  des  einstigen  regionalen  Parti-.
kularismus,  das  17933;  und  1791  in  der  Vendge,  in  Lyhon  und  in  der  Provence
  durch  soviel  Blutvergießen  erstickt  werden  mußte,  für  #u  gesährlich.
Unter  Verzichtleistung  auf  die  großen,  angenscheinlichen  Vorteile  der  landsmannschafllichen
  Zusammengehörigkeit  der  Mannschaften  auf  den  Geist  der
Truppe,  vor  allem  aber  der  wesenllichen  Erleichterung  und  Beschleunigung
der  Mobilmachung  bei  der  deutschen  Relrutierungsart  wurde  die  Mischung
sämtlicher  Rekruten  aus  allen  Teilen  des  Landes  und  ihre  gleichmäßige  Verteilung
  auf  die  verschiedenen  beliebig  dielozierlen  Truppenteile  zum  System
erhoben.  Endlich  hielt  man  noch  in  einem  Punkle  an  den  Uberlieferungen
der  alten  jranzosischen  Armee  jest  und  folgte  nicht  dem  Veispiel  des  deutschen
Siegers.  Die  Ergänzung  des  Offizierkorps  ward  nicht  einheitlich  geregelt,
sondern  es  blieb  bei  dem  doppelten  Verfahren,  wonach  dieselben  zum  einen
Teil  aus  den  Zöglingen  der  Militärschule  von  St.  Cyr,  zum  andern  aus
den  Reihen  der  Unteroffiziere  hervorgehen

Bis  jehzt  verteilt  sich  das  etwa  150,  000  Mann  starke  jährliche  Kontingent
  wie  folgt:  65,000  Munn  wurden  auf  fünf  Jahre  in  die  Armee  einbestelt.
  wo  sie  jedoch  nur  30  bis  40  Monale  Zuzubringen  haben  und  dann
eurlaubt  werden,  8  bis  10.000  junge  Leute  dienen  als  Einjährig-Freiwillige
und  25,000  Mann  gehören  der  sogenannten  zweiten  Portion  an,  welche-  ebenfalls
  nur  ein  Jahr  dienen.  Diese  Ungleichheil  in  der  Ableistung  der  Dienstpflicht
  hat  unn  eine  Agitation  ins  Leben  gerufen  für  die  Abschaffung  des
Volontarials  und  für  die  Verbftichtung,  welcher  jeder  wehrpflichtige  Franzose
unterworfen  sein  soll,  drei  Jahre  zu  dienen.  In  den  großen  Journalen,  die
meist  den  Interessen  der  Bourgeoisie  dienen,  begegnet  diese  seinerzeit  auch
von  Gambelta  beantragte  Abänderung  des  Wehrgesetzes  großer  Opposition,
ebenso  agitieren  auch  die  Klerikalen  und  Monarchisten  gegen  einen  Gesetzentwurf,
  durch  welchen  selbst  die  Zukünftigen  Diener  der  Kirche  dazn  gezwungen
  werden  sollen,  drei  Jahre  ihres  Lebens  in  der  Kaserne  Zuzubringen.
Die  Bourgeoisie  ihrerseils  klagt  darüber,  daß  unter  der  beaulragten  Maßregel
  der  Handel,  die  Industrie  und  die  Milege  der  WMissenschaften  leiden
werden.  Ihre  Orgaue  sind  der  Ansicht,  es  genüge,  wenn  jeder  Frangose  im
Wassenhandwerke  eingeübt  werde  und  in  der  Stunde  der  Gefahr  sich  unter
den  Fahnen  befinde.  Da  durch  die  dreijährige  Dienstzeit  das  jährliche  Kon-