teidigung dienlich ist.“ Der Wechsel in der inneren Politik Englands —
wo das liberale Kabinett Campbell-Bannerman an Balfours Stelle getreten
war — vermindere Englands Kampfneigung und übe dadurch einen
beruhigenden Einfluß auf den Kontinent aus. Treffe jetzt Deutschland
weitere militärische Vorbereitungen, so könnte das als Kriegsabsicht gedeutet
werden, da.es einen Angriff von Frankreich nicht zu besorgen
braucht, und die Beunruhigungen, die es einen Augenblick hinsichtlich
Englands hat hegen können, ausgeglichen sein müssen. In Frankreich
habe man an der ganzen Grenze Verteidigungsmaßnahmen gegen Deutschland
getroffen, 270 Millionen hierfür aufgewendet und das Gold nach
und nach aus dem Verkehr gezogen, um einen Kriegsschatz zu bilden.
Ein Londoner Bericht vom 23. Januar 1906!) atmet merkliche Beruhigung.
In England will man den Frieden, hauptsächlich die zu großem
Einflusse gelangte Arbeiterpartei, mit der die Regierung rechnen muß.
England wird Frankreich nicht zu einer unnachgiebigen Haltung in
Algeciras veranlassen, um nicht an einem etwa ausbrechenden Kriege
mit teilnehmen zu müssen. Bei dieser Gelegenheit teilt der belgische
Gesandte den ‚„machiavellistischen‘, Balfour zugeschriebenen Plan mit,
Frankreich unter der Hand zum Kriege mit Deutschland zu ermutigen,
damit letzteres zum Vorteile Englands geschwächt werde. Daß solche
Gerüchte damals umzugehen vermochten und in der ernsthaften diplomatischen
Berichterstattung Erwähnung fanden, ist ein sprechender
Beweis für die damalige Spannung der politischen Atmosphäre. Bald
sollte sie noch mehr beunruhigt werden. König Eduard trat persönlich
wiederum in den Vordergrund der Ereignisse.
Erinnern wir uns dessen, daß in dieser Zeit die Besprechungen des
englischen Oberstleutnants Barnardiston mit dem belgischen Generalstabschef
Ducarne über die Möglichkeiten eines militärischen Zusammenwirkens
beider Mächte im Falle der Verletzung der belgischen Neutraiität
durch Deutschland stattfanden?).
Gerade während der gefährlichsten Spannung der Algeciras-Konferenz
kam König Eduard VII.nach Paris und stieg in der englischen Botschaft
ab. Er besuchte den Präsidenten der französischen Republik und empfing
beim Frühstück auch Delcasse. Der hierüber berichtende Gesandte
Leghait?) sah darin einen bedenklichen Schritt und einen Gegenschlag
gegen die Reise des deutschen Kaisers nach Tanger. ‚In den diplomatischen
Kreisen sient man diese Kundgebung als unnütz und in diesem
Augenblick sehr gefährlich an... Im ganzen fürchtet man hierin einen
Ausdruck des englischen Wunsches sehen zu müssen, die Lage so weit
zu verschlimmern, daß der Krieg unvermeidlich wird.“ Dieses Urteil
wird noch dadurch verschärft, daß der Gesandte hinzufügt: ‚In den
amtlichen Kreisen und vor allem im Ministerium der auswärtigen An-'!)
Bd. Il, S. 104/105.
2) Vgl. hierzu meine ausführlichen Darlegungen in: „Der geistige Kampf um
die Verletzung der belgischen Neutralität‘, Berlin, Hans Robert Engelmann, 1919.
®) Paris, 6. März 1906, Bd. II, S. 105/106 und belg. Akt. Nr. 16.
119