Object: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Sachsen vom Jahre 1914. (80)

Spies: Englische Weltpolitik (Imperialismus) 
In der Geschichte der imperialistischen Expansion 
Großbritanniens gab es auch einen nicht wieder gut- 
zumachenden Rückschlag — Amerika. Dort wollte 
man sich wohl als gleichberechtigtes Mitglied eines 
Bundes dem englischen Reiche einfügen, aber nicht in 
kolonialer Unterordnung von London aus regiert 
und kommandiert werden. Eine Art Homerule hätte 
den verhängnisvollen Bruch (ob für immer?) ver- 
hindertt. Seit dem Erfolg des amerikanischen Unab- 
bängigteitstrieges werden die Vereinigten Staaten ein 
eltfaktor für sich. Die Monroedoktrin, der Panama- 
kanal mit seinen Problemen, das Verhältnis Kanadas 
zu den Vereinigten Staaten, wie es etwa 1911 aus 
Anlaß der Frage des Reziprozitätsvertrages in die Er- 
scheinung trat ('Shall ada be British or Ameri- 
can?= fragte damals die -Saturday Review#), das 
übergreifen der Vereinigten Staaten nach Südame- 
rika mik Kapital, Industrie und Handel, ja sogar die 
Amerikanisierung Australiens und selbst des eigent- 
lichen Englands in den lehien Jahren vor dem Kriege 
ließen schon die Gefahr erkennen, die für den weltpoli- 
tischen Imperialismus Englands in der Neuen Welt 
heraufzog. Großbritannien erkannte das rechtzeitig 
und suchte, gerade angesichts der kommenden europäi- 
schen Verwicklungen, mit Amerika auf gutem Fuß zu 
bleiben. So wurde auch die Erinnerung an den Frie- 
den von Gent (1814) bei der Hundertjahrfeier in Bel- 
gen ) wie in London und Neuyork von englischer 
Seite aus mit auffälliger Geräuschfülle festlich be- 
angen und der Bruch im 18. Jahrhundert nach be- 
anntem Muster auf ein Mißverständnis zurück- 
eführt. Die amerikanischen Erfahrungen haben zwar 
ngland in der Folgezeit nicht gehindert, seinen 
überseeischen Besitzungen zur Aufbesserung seiner 
passiven Handelsbilanz reichliche Geldopfer zu ent- 
winden (man denke nur an Indien), aber sie haben 
es doch veranlaßt, dem berechtigten Wunsche nach 
Selbstverwaltung zu entsprechen! Außerdem harmo- 
nierte es mit dem Grundsatz englischer Weltpolitik in 
Curopa, sich einen befiegten Feind oder ungefähr- 
lichen Gegner zum Freunde zu machen. Daher auch 
die geschäftige Eile, mit der man nach Unterwerfung 
der Buren = Versöhnungspolitik= betrieb und für die 
„South African Union= Selbstverwaltung schuf 
(1909). Denn: -Hätten wir Südafrika verloren, so 
weiß niemand besser als Sie, daß das englische Reich 
in Stücke gefallen wäre, wie ein Gewölbe, dem man 
den Schlußstein entzogen hate“. 
III. Der Ausbaun des -Empire; Probleme 
nud Schwierigkeiten. Somit war es der englischen 
Weltpolitik gelungen, mehr als ein Fünftel der ge- 
samten Landfläche und 22 Prozent aller Menschen auf 
der Erde unter ihre Botmäßigkeit zu bringen. Da 
sostematisches Organisieren (im Gegensatz zum deut- 
schen Wesen) dem individualistischen Engländer noch 
reichlich fremd war, fehlte auch dem britischen Welt- 
reich noch das feste Gefüge. Die auf einen festeren 
Zusammenschluß von Mutterland und Tochterstaaten 
gerichteten Bestrebungen begreift man in engerem 
Sinne unter dem Namen „Omperialisu-. Nicht 
mit Unrecht hat man den konservativen Premier- 
minister Disraeli als geistigen Urheber dieses Im- 
perialismus bezeichnet, der dem englischen Souverän 
1 Ugl. D. P. Heatley, Studiesn in British Hlstory and 
Follties Lond. 1913: An American Independence Groupe). 
: Auch als Sonderabdruck Nr. 1450. 
Joseph Chamberlain in einer Rede zu Durban am 206. 
Dezember 1002. 
107 
um 1. Januar 1877 die Kaiserkrone von Indien aufs 
haunt setzte. Sir Charles Dilke schuf das Schlag- 
wort „Greaster Britaine, nicht ohne die Aufstellung 
eines Programms zu vergessen, und J. R. Seeley 
(1834—95; seit 1869 Profesler für neuere Geschichte 
in Cambridge) begründete die Idee des Weltreichs 
vom historischen Standpunkt in seinem vielgelesenen 
Buch -The Expansion of England= (zuerst 1883). 
Seitdem schwoll die imperialistische Literatur von Jahr 
zu Jahr mehr zur Lawine an. 
Das englische Weltreich wurde von Haus aus 
schon durch gemeinsame Bande allgemein mensch- 
licher Art unichlossen. Die von London ausgegan- 
gene (s. oben) Verkehrs= und Schriftsprache wurde 
um maßgebenden Idiom, teils durch den natürlichen 
wang der Umstände, teils durch gewaltsame Nach- 
dilfe der englischen Eroberer, und drohte, trotz ihrer 
weiteren. Difeerenzierun, mit dem auch in Deutsch- 
land gedankenlos kolportierten Schlagwort -Eng- 
lisch — Weltsprache= die englischen Herrschaftspläne 
auf der Erde gefährlich zu fördern. Die - English 
Church. bildete trotz der Verschiedenartigkeit des Be- 
kenntnisses im einzelnen den geistigen Kristallisations- 
punkt des Engländertums in aller Welt, und die 
festen Normen der englischen Lebensgewohnheiten 
und Charakterbildung mit dem scharf ausgeprägten 
englischen Nationalgefühl formten die sichere Grund- 
lage für die schnelle Anglifierung des gewonnenen 
Neulands. Was dem System des englischen Welt- 
reichs fehlte, lag auf politischem, wirtschaftlichem und 
militärischem Gebiet. Eine einheitliche Organisierung 
nach diesen Richtungen hin würde die weltpolitischen 
Ziele Großbritanniens zu einer Art grandiosen Ab- 
schlusses bringen, aber gleichzeitig auch den sicheren 
Ausgangspunkt für Kämpfe mit den neuerstandenen 
Gegnern schaffen. Die einschlägigen Fragen sind in 
allen Teilen des englischen Reiches eingehend erörtert 
worden. Imperialistische Vereinigungen (s. unten) 
nahmen sich ihrer an, und die englische Reichsregie- 
rung berief von Zeit * Zeit eine „Colonial Con- 
ference oder „Imperial Conference zu diesem Zweck. 
In politischer Hinsicht stand an der Spitze das Pro- 
blem der bundesstaatlichen Einigung zwischen Mutter- 
land und Tochterstaaten mit einem - Imperial Parlia- 
mente in Westminster oder Windsor. Aber schon die 
Frage des Wahlrechts rollte weitere Schwierigkeiten 
auf: „Empire Migratione oder „Imperial Migra- 
tion-, -Imperial Citizenshipe oder -#mperial Na- 
turalization- und die mit diesen verknüpfte größte 
Schwierigleit der Behandlung der efarbigen Englän- 
der-, also Reichsfreizügigkeit und Reichsbürgerrecht. 
Der Zwiespalt der Meinungen auf diesem Gebiet ist 
im Weltkrieg durch Englands Inanspruchnahme far- 
biger Rassenhilfe in ganz neue, zur Zeit unüberseh- 
bare Bahnen gelenkt worden. — Während die im- 
perialistisch-politischen Tendenzen fast ohne Unter- 
schied der Partei in England Billigung fanden, war 
die Beurteilung eines etwaigen imperialistisch= wirt- 
schaftlichen Zusammenschlusses, d. h. eines imperia- 
listischen Zollbundes (Chamberlainismus), je nach 
dem grundsätzlichen Standpunkt: Schutzoll oder Frei- 
handel? eine geleilte:. Die englischen Erörterungen 
über die hiermit zusammenhängenden Fragen des 
1 Vgl. H. Spies, Deutschlands Feind (Verl. 1915, S. 26 ff.). 
2 Ug. G. v. Schulze-Gaevernig, Britischer Imperialis= 
mus und englischer Freihandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts 
(Leipz. 1900).