Contents : Gesetzsammlung für das Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt. Elfter Jahrgang. 1850. (11)

152  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  20.)

vor  den  verfassungsmäßigen  Rechten  des  Reichstags.  Ich  habe  von  dem,
was  ich  hier  gestern  erklärte,  nichts  zurückzunehmen,  ich  habe  auch  nichts
hinzuzufügen,  und  ich  denke,  die  Mehrheit  des  Hauses  wird  sich  über  die
Ansicht  und  über  den  Sinn  und  über  die  absolute  Aufrichtigkeit  meiner
gestrigen  Erklärung  nicht  im  Zweifel  befinden.  Was  nun  die  Nichteinberufung
  des  Reichstags  angeht,  so  glaube  ich,  daß  mein  Herr  Amtsvorgänger
  —  denn  darin  muß  ich  Herrn  Richter  zu  meinem  Bedauern  widersprechen,
  um  diesen  allein  kann  es  sich  handeln;  die  Reichsverfassung  kennt
nur  eine  einzige  verantwortliche  Persönlichkeit  im  Reiche,  das  ist  der  Reichskanzler,
  und  die  Reichsverfassung  bindet  uns  alle,  mich  auch  und  auch  den
Herrn  Abg.  Richter  —  also  die  einzige  verantwortliche  Persönlichkeit,  die
jetzt  meine  Wenigkeit  ist,  war  damals  der  Fürst  Hohenlohe,  und  wenn  er
im  Sommer  nicht  zur  Einberufung  des  Reichstags  geschritten  ist,  so  war
die  Ursache,  daß  die  Einberufung  des  Reichstags  wegen  der  Chinaexpedition
die  Vorlegung  eines  Ergänzungsetats  an  Bundesrat  Reichstag  zur  Voraussetzung
  gehabt  hätte  und  damals  dem  Reichskanzler  diese  Voraussetzung
noch  nicht  gegeben  schien.  Dazu  kam,  daß  der  damalige  Reichskanzler  aus
der  Haltung  eines  Teils  der  Presse  glaubte  die  Überzeugung  gewinnen  zu
können,  daß  die  Einberufung  des  Reichstags  damals  nicht  den  Wünschen
aller  Parteien  entspräche.  (Hört,  hört!  rechts.)  Ich  glaube  nicht  zu  irren,
wenn  ich  sage,  daß  es  namentlich  ein  Blatt  war,  das  in  dieser  Beziehung
den  damaligen  Reichskanzler  impressioniert  haben  dürfte,  nicht  bloß,  weil
es  ein  überaus  geschickt  redigiertes  Blatt  ist,  sondern  weil  ihm  Beziehungen
nachgesagt  werden  zu  einem  hervorragenden  Parlamentarier,  dessen  Beredtsamkeit
  wir  alle  eben  bewundert  haben.  (Heiterkeit.)  Die  „Freisinnige
Zeitung“  (Rufe  links:  Datum!  Datum!)  —  die  „Freisinnige  Zeitung"
schrieb  am  4.  Juli  —  damals  war  gerade  der  psychologische  Moment,  wo
es  sich  um  die  Berufung  oder  Nichtberufung  des  Reichstags  handelte,  folgenden
  Artikel:  „Ob  es  angemessen  ist,  den  Reichstag  zu  berufen,  läßt  sich
unseres  Erachtens  erst  entscheiden,  wenn  ein  klarer  Tatbestand  über  die
in  Betracht  kommenden  Verhältnisse  vorliegt.  Auch  ist  eine  feste  Stellungnahme
  von  deutscher  Seite  nur  möglich  unter  Vereinbarung  mit  anderen
Großmächten  auf  Grundlage  eines  solchen  Tatbestandes.  Der  Reichstag,
einmal  berufen,  kann  nicht  wochenlang  warten,  bis  eine  Vorlage  möglich
ist.  Gegenwärtig  vermögen  auch  in  den  anderen  Parlamenten  die  Minister
alle  Fragen  nur  dahin  zu  beantworten,  daß  sie  keine  sichere  Kenntnis  von
den  tatsächlichen  Verhältnissen  besitzen.  Und  da  die  außeretatsmäßigen
Ausgaben  für  unsere  Wehrkraft  in  Ostasien  nicht  so  erheblich  sind,  so  ist
aus  finanziellen  Gründen  es  nicht  nötig,  den  Reichstag  zu  berufen.  Nach
der  „Nationalzeitung“  ist  bisher  weder  eine  Einberufung  des  Reichstags
beabsichtigt,  noch  sind  im  Reichstagsbureau  irgendwelche  Andeutungen  eingegangen,
  daß  eine  außerordentliche  Session  bevorstände."  Dieser  Artikel
ist  zwar  etwas  gewunden  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  auf  Stelzen
gestellt,  das  pflegt  aber  bei  offiziösen  Enunziationen  immer  der  Fall  zu
sein.  (Stürmische  Heiterkeit.)  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß
derjenige,  der  diesen  Artikel  verfaßt  oder  inspiriert  hat,  die  Einberufung
des  Reichstags  —  gewiß  optima  fide  —  in  jenem  Augenblick  nicht  für
opportun  gehalten  hat.  Diesen  Eindruck  hatte  ich;  auch  verrate  ich  kein
Geheimnis,  wenn  ich  sage,  daß  ich  zu  denjenigen  gehörte,  welche  glaubten,
„daß  damals  sehr  ernste  und  gewichtige  Gründe  sprächen  für  die  Einberufung
  des  Reichstags“.  (Hört!  hört!)  Aber  wie  ich  damals  das  las,  da
sagte  ich  mir  doch  .  (Stürmische  andauernde  Heiterkeit)  gegen  den  Abg.
Richter  kann  ich  nicht  aufkommen.  (Erneute  große  Heiterkeit.)  Ich  kann
nur  sagen,  daß,  wenn  sich  wieder  ein  ähnlicher  Fall  ereignen  sollte,  hoffent-