Reichsgericht (Zivilsachen). . 27
. Kriminalistische Sektion des akademisch-juristischen Vereins München. In
der Reihe von Vorträgen über den Vorentwurf zum Strafgesetzbuch besprach Rechtsanwalt
Dr. Leo Kitzinger die Sittlichkeitsverbrechen. Bei der gesetzgeberischen
Regelung dieser Materie muß an dem Satz festgehalten werden, daß der einzelne
Mensch, nicht aber die Sittlichkeit als abstrakter Begriff Gegenstand des strafrechtlichen
Schutzes ist. Der Tatbestand der Notzucht bedarf der Erweiterung; denn es
ist unhaaltbar, daß zwar nach geltendem Recht als Erpresser gestraft wird, wer eine
Frau durch Drohung zur Hingabe von Geld veranlaßt, aber straflos bleibt, wer die
Frau durch dieselbe Drohung zur Preisgabe ihrer Geschlechtsehre verleitet. Die Bestimmung
des Vorentwurfs, daß ieder, der durch eine Drohung einen anderen zu
irgend einer Handlung nötigt, wegen Nötigung bestraft werden soll, wird zweifellos
mihtGeleh werden, 6 das die Erweiterung des Tatbestands der Nötigung unerläßlich
ist. « -
Bei der Schändung wird der Begriff „geisteskrank“ im Hinblick auf die Fortschritte
der Psychiatrie zu reformieren sein, so daß nur der Mißbrauch der Geisteskrankheit
zum Zwecke des außerehelichen Beischlafs unter Strafe gestellt wird.
Die Strafmaße sind wenig verändert, aber viel zu steeng; Der Gesetzgeber
hätte der Kriminalstatistik entnehmen sollen, daß jetzt fast stets auf das Strafminimum
erkannt wird und daher die Mindeststrafe herabsetzen sollen.
. Die Homosexualität ist keine Eigenschaft des Charakters, sondern eine angeborene
Anomalie und der freien Bestimmung durch den Willen der davon Betroffenen
völlig entzogen; auch wird durch sie das Interesse der Aelgemeinheit nicht
gelahrder Ihre Bestrafung ist daher nicht gerechtfertigt. Für die Aufhebung des
atbestande gebietet auch die große Unsicherheit des bestehenden Rechtszustands und
die Schwierigkeit des Nachweises; denn der einzige Zeuge ist meist einer, der sich
prostituiert hat und der Anzeige erstattet, weil ihm eine Erpressung nicht gelungen
ist. Dagegen ist die Bestrang der gewerbsmäßigen und der unter Mißbrauch eines
Abhängigkeits- oder Vertrauensverhältnisses verübten Homosexualität zu billigen.
Bestrafung wegen Kuppelei soll künftig bei Gewährung von Wohnung nur
dann erfolgen, wenn der Täter mit Rüchiicht auf die Duldung der Unzucht einen
verhältmiswidrig hohen Gewinn erzielt. Hierdurch wird der Mißstand beseitigt, daß
einerseits die Prostitution polizeilich geduldet wird, anderseits die Gewährung von
Wohnung an Prostituierte bestraft wird. · «
Auch die übrigen Tatbestände haben eine Reihe von Verbesserungen erfahren.
Dr. Woerner.
Rechtsprechung.
Reichsgericht (Zivilsachen).
Berechtigt die Verheiratung eine Bühnenkünstlerin zur Kündigung des
Spielvertrags? « · ·
DieSchquspielerinE.W.H.hattethclsosantperTrxTheatergefells
schaft m. b. H. in B. einen Vertrag geschlossen, in dem sie sich verpflichtete, dem
Tr.-Theater ir die Spielzeit vom 16. September 1908 bis zum 1. Seplember