315] Die staatlichen Einrichtungen für den Kunstunterricht in Deutschland. 43
verbindet, „durch die Vereinigung der Künstler, welche in ihren Räumen
arbeiten (7) und zum Theil außerhalb des Verbandes der eigentlichen (7)
Schule stehen, anregenden künstlerischen Verkehr zu fördern". Die beiden
(von uns hinzugefügten) Fragezeichen sollen nur darauf aufmerksam machen,
daß der Ausdruck „Kunstschule“ für die beiden angeführten Sätze in ganz
verschiedenem Sinne gebraucht erscheint, in dem ersten nämlich im Sinne
einer wirklichen Lehranstalt, im zweiten dagegen nur in dem eines mit
Atelierlokalitäten ausgestatteten Gebäudes. Nur durch diese unlogische und
in einem officiellen Statutenparagraphen, dessen Titel „Zweck der Anstalt"
lautet, doppelt auffällige Verbindung zweier ganz unadäquater Bestimmungen
werden die Ausdrücke „arbeiten", wo man „lehren“" erwartet,
und „außerhalb des Verbandes der eigentlichen Schule“ verständlich,
wenn auch die Fassung selbst ihres inneren Widerspruchs halber unerklärlich
bleibt. — Denn was hat die rein private „Ueberlafsung“ von
Ateliers gegen „Miethgins“ (s. § 20 des Statuts) an selbständige und
gar nicht zu den Lehrern der Anstalt gehörige Künstler mit dem Zweck der
Kunstschule als solcher zu thun? Derlei Inkongruenzen, die sich
übrigens fast in allen Statuten finden, tragen nicht unwesentlich dazu bei,
die nothwendige Klarheit über die eigentlichen Ausgaben einer Kunstlehranstalt
zu trüben. Hätten wir den Beruf, ein Statut, z. B. das der Berliner
Akademie, welche sich bekanntlich zu den vornehmsten Anstalten dieser
Art rechnet, auf die darin enthaltenen Widersprüche und sonstige logische
Unzuträglichkeiten hin zu prüfen (einzelne Proben davon folgen unten): man
würde über das Resultat solcher Kritik erstaunt sein. Hier handelt es
sich — der Leser möge das nicht vergessen — vorläufig nur um die Form
dieser Institute, welche, wie wir sahen, fast bei keinem dieselbe ist. Wir
müssen in dieser Betrachtung noch fortfahren, um schließlich nach Eliminirung
aller derjenigen Formen, welche nicht unmittelbar zu dem Begriff
einer Lehranstalt in der oben angegebenen engeren Bedeutung gehören, zu
der Betrachtung des Inhalts dieser einen, dem Zweck einer Lehranstalt
allein adäquaten Form üÜberzugehen.
Die königlich württembergische Kunstschule zu Stuttgart
weicht insofern von anderen Instituten dieser Art ab, als sie in
ihren „Statuten“ weder von dem Zweck der Anstalt spricht, noch den Umfang
ihrer Sphäre angibt, sondern sich auf ein bloßes Regulativ für den
Besuch derselben nebst Disciplinarvorschriften beschränkt. Das eigentlich
Statutarische, d. h. Alles, was eine principielle, auf den substanziellen
Zweck bezogene Grundlegung des Lehrinstituts enthält, faßt sie dagegen in
einem „Programm“" zusammen, worin „Charakter, Zweck und Gliederung
der Anstalt“, also ihre eigentliche Organisation, dargelegt wird. Hienach
„kommt der Kunstschule der Charakter einer akademischen Lehranstalt zu“. —
Was „akademisch“ zu bedeuten habe, wird aber leider nicht gesagt, und dies
ist um so mehr zu bedauern, als diese Bezeichnung. nach den thatsächlichen
Zuständen unserer Kunstakademien zu urtheilen, es sehr zweifelhaft erscheinen
läßt, ob darunter ein Analogon zur Elementarschule oder zum
Gymnafium oder gar zur Universität zur verstehen sei 1). Als „Zweck“
1) Nur die Wiener Akademie bezeichnet sich ausdrücklich als „Hochschule“. beansprucht
also den Charakter einer Universität für Kunst.