Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  10.,11.)  183

drücke  zu  stark  gewählt.  Das  gilt  zunächst  von  der  Stelle,  wo  der  Kaiser
gesagt  haben  soll,  die  Mehrheit  des  deutschen  Volkes  sei  England  feindlich
gesinnt.  Zwischen  Deutschland  und  England  haben  Mißverständnisse  stattgefunden,
  ernste,  bedauerliche  Mißverständnisse.  Aber  ich  weiß  mich  einig
mit  diesem  ganzen  hohen  Hause  in  der  Auffassung,  daß  das  deutsche  Volk
auf  der  Basis  gegenseitiger  Achtung  friedliche  und  freundliche  Beziehungen
zu  England  wünscht  (Allseitiges  lebhaftes  Bravo!),  und  ich  konstatiere,  daß
sich  die  Redner  aller  Parteien  heute  in  gleichem  Sinne  ausgesprochen  haben.
(Sehr  richtig!)  Die  Farben  sind  auch  zu  stark  aufgetragen  an  der  Stelle,
die  Bezug  hat  auf  unsere  Interessen  im  Pazifischen  Meere.  Sie  ist  in
einem  für  Japan  feindlichen  Sinne  ausgelegt  worden.  Mit  Unrecht.  Wir
haben  im  fernen  Osten  nie  an  etwas  anderes  gedacht  als  an  dies:  für
Deutschland  einen  Anteil  an  dem  Handel  Ostasiens  bei  der  großen  wirtschaftlichen
  Zukunft  dieser  Gebiete  zu  erwerben  und  zu  behaupten.  Wir
denken  nicht  daran,  uns  dort  auf  maritime  Abenteuer  einzulassen,  aggressive
Tendenzen  liegen  dem  deutschen  Flottenbau  im  Stillen  Ozean  ebenso  fern
wie  in  Europa.  Im  übrigen  stimmt  Seine  Majestät  der  Kaiser  mit  dem
verantwortlichen  Leiter  der  auswärtigen  Politik  völlig  überein  in  der  Anerkennung
  der  hohen  politischen  Bedeutung,  die  sich  das  japanische  Volk
durch  politische  Tatkraft  und  militärische  Leistungsfähigkeit  errungen  hat.
Die  deutsche  Politik  betrachtet  es  nicht  als  ihre  Aufgabe,  dem  japanischen
Volk  den  Genuß  und  den  Ausbau  des  Erworbenen  zu  schmälern.  Meine
Herren,  ich  habe  überhaupt  den  Eindruck,  als  wäre,  wenn  die  materiellen
Dinge  —  vollends  in  richtiger  Form  —  einzeln  bekannt  geworden  wären,
die  Sensation  keine  große  gewesen;  auch  hier  war  wieder  einmal  die  Summe
mehr  als  alles  einzelne  zusammen.  Vor  allem,  meine  Herren,  sollte  man
über  der  materiellen  Seite  nicht  ganz  die  psychologische,  die  Tendenz  vergessen.
  Seit  zwei  Jahrzehnten  ist  unser  Kaiser  bemüht,  unter  oft  sehr
schwierigen  Verhältnissen  freundschaftliche  Beziehungen  zwischen  Deutschland
und  England  herbeizuführen.  Dies  ehrliche  Streben  hat  mit  Hindernissen
zu  kämpfen  gehabt,  die  manchen  entmutigt  hätten.  Die  leidenschaftliche
Parteinahme  unseres  Volkes  für  die  Buren  war  menschlich  begreiflich;
Teilnahme  für  den  Schwächeren  ist  gewiß  sympathisch.  Diese  Parteinahme
hat  aber  auch  zu  ungerechten  und  vielfach  maßlosen  Angriffen  gegen  England
  geführt.  Und  ebenso  sind  von  englischer  Seite  ungerechte  und  gehässige
  Angriffe  gegen  Deutschland  gerichtet  worden.  Unsere  Absichten
wurden  verkannt,  es  wurden  uns  feindliche  Pläne  gegen  England  untergeschoben,
  an  die  wir  nie  gedacht  haben.  Der  Kaiser,  mit  Recht  von  der
Ueberzeuzung  durchdrungen,  daß  dieser  Zustand  für  beide  Länder  ein  Unglück
  und  eine  Gefahr  für  die  zivilisierte  Welt  war,  hat  unentwegt  an  dem
Ziel  festgehalten,  das  er  sich  vorgesetzt.  Ueberhaupt  geschieht  dem  Kaiser
mit  jedem  Zweifel  an  der  Reinheit  seiner  Absichten,  an  seiner  idealen  Gesinnung
  und  seiner  tiefen  Vaterlandsliebe  schweres  Unrecht.  Meine  Herren,
wir  wollen  alles  unterlassen,  was  wie  übertriebene  Werbung  um  fremde
Gunst,  was  wie  nach  Unsicherheit  und  nach  Nachlaufen  aussieht;  aber  ich
verstehe,  daß  der  Kaiser,  gerade  weil  er  sich  bewußt  war,  eifrig  und  ehrlich
  an  einem  guten  Verhältnis  mit  England  gearbeitet  zu  haben,  sich
gekränkt  fühlte,  wenn  er  immer  wieder  Gegenstand  von  Angriffen  gewesen
ist,  die  seine  besten  Absichten  verdächtigten.  Ist  man  doch  so  weit  gegangen,
seinem  Interesse  für  die  deutsche  Flotte  geheime  Absichten  gegen  englische
Lebensinteressen  unterzuschieben,  Absichten,  die  ihm  vollständig  fern  liegen.
Da  hat  er  in  Privatgesprächen  mit  englischen  Freunden  durch  den  Hinweis
auf  sein  Verhalten  in  einer  für  England  schwierigen  Zeit  den  Beweis  führen
wollen,  daß  er  in  England  verkannt  und  falsch  beurteilt  werde.  Meine