Full text : Der deutsche Verfassungsstaat und die Parteien.

Wiederbeseitigung  der  Verfassung  aus.  Solange
  diese  aber  bestand,  wollte  sie  mindestens
  ein  selbständiges  und  kraftvolles
  Königtum  mit  möglichst  weitehender
  Königsmacht.  Desgleichen  machte
nch  diese  Partei  zu  einer  besonderen  Stütze
der  christlichen  Kirche  und  der  im
christlichen.  Geist  zu  leitenden  Schule.  Den
welche  dem  Volke  in  der  Ver-Essung

  gewährleistet  waren,  stand  sie  mit
frostiger  Kälte  gegenüber.  Sie  sah  bei  der
politischen  Unreife  der  großen  Massen  einen
bedenklichen  Mißbrauch  der  verfassungs.

mäßigen  Rechte  und  eine  lberstürzung  auf

den  freiheitlichen  Bahnen  voraus,  die
später  oder  früher  zur  vollen  Lösung  aller
staatlichen  Bande  führen  müsse.  Sie
fürchtete  namentlich  für  das  Handwerk  die
größten  Schädigungen,  wenn  nach  den
Forderungen  des  neuen  Zeilgeistes  die
esten  Organisationen  ohne  weiteres  beeitigt
  würden,  welche  ihm  ein  Jahrtausend
hindurch  einen  sicheren  Halt  gegeben  hatten.
Ebenso  bangte  sie  für  alle  wirtschaftlich
minder  kräftigen  Existenzen,  wenn  die  ungehinderte
  Freizügigkeit  und  die  schrankenlose
  Gewerbefreiheit  dereinst  den  Kamyf
aller  mit  allen  entfesseln  würden.  Ihr

Ideal  war  der  wohlgeordnete  und  verständig
  Vegliederte  christliche  Staat  nach
dem  Vorbilde  einer  ruhmvollen  Vergangenheit,
  in  welchem  nicht  eine  bedingungslose
Gleichmacherei  das  leitende  Staateprinzip
ist,  sondern  wo  die  durch  bevorzugte  Eigenschaften
  wie  vornehme  Geburt,  reichen
Besitz,  hervorragendes  Verdienst  ausgezeichneten
  Volkskreise  den  ihnen  naturgemäß
  zukommenden  Einfluß  ausüben.  Sie
stellte  sich  dabei  auf  einen  ausgesprochen
preußischen  Standpunkt,  wollte  von  den
allgemeinen  deutschen  Einheitsbestrebungen
wenig  wissen,  verlangte  vielmehr  zum
Schutz  der  besonderen  preußischen  Interessen
ein  fest  organisiertes  Heer  und  eine  straffe
Polizeigewalt  und  beanstandete  nach  vielen
Erfahrungen  des  „tollen“"  Jahres  folgerichtig
  auch  die  Landwehrtruppe  als  integrierenden
  Teil  des  damaligen  stehenden
Heeres.  Und  da  die  Regierung  des  Königs
Friedrich  Wilhelm  1V.  sich  ganz  auf  diese
Partei  stützte,  so  erlangte  sie  im  Landtage
schnell  den  maßgebenden  Einfluß,  der  ihr
auch  verblieb,  als  König  Wilhelm  I.  nach
einer  vorübergehenden  Hinneigung  zu  ihren
politischen  Gegnern  sein  großes  Lebenswerk
  mit  der  Rcorganisation  der
preußischen  Armee  im  Jahre  1860  beann

  und  hierbei  auf  einen  geschlossenen
Giderstand  der  Parlamentsmehrheit  stieß.

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Die  konservative  Portei  machte  sich
damals  zur  eigentli  en  Trägerin  der
königlichen  Politik  nach,  innen  und  außen:
doch  stand  sie  der  Neuordnung  der  Dinge
in  Deutschland  im  Jahre  1866  als  Vertreterin
des  Gottesgnadentums  und  der  Legitimität"“

anfänglich  mit  einer  gewissen  Reserve  gegenüber.

  Auch  nach  der  Errichtung  dee  deutschen
Nationalstaates  wurde  sie  durch  ihre  überlieferten
  Grundsätze  in  einen  Gegensat  zu
der  von  Bismarck  damals  für  notwendig
erachteten  Reichspolitik  gedrängt,  der  sich
während  des  sogenannten  „Kulturkampfs"
bis  zu  einer  vollen  Absage  einer  großen
Anzahl  hocharistokratischer  „Deklaranten“
an  ihn  steigerte.  Alle  diese  Umstände
trugen  anderseits  aber  auch  zu  einer
Lockerung  ihrer  bisher  fest  geschlossenen
Reihen  bei.  Schon  im  Jahre  1866  löste
sich  die  freikonservative  Partei  von
ihr  ab,  welche  die  Bismarcksche  Politik
grundsätzlich  förderte  und  vor  allem  im
„Kulturkampf“  die  leitenden  Grundsätze  der
Regierungspolitik  anerkannte.  Später
bildete  sich  noch  eine  Neukonservative
Fraktion  aus,  welche  den  Widerstand  der
Konservativen  gegen  die  Verwaltungsreform
  nach  den  Grundsätzen  der  Selbstverwaltung
  aufgab  und  sich  damit  der
Regierung  ebenfalls  näherte.  Erst  im  Jahre
1876  machten  die  Altkonservativen  einen
ehrlichen  Frieden  mit  dem  modernen
Staat  und  dem  neuen  Deutschen  Reich,
indem  sie  sich  damals  mit  den  preußischen
Neukonservativen  und  den  Konservativen
der  übrigen  Bundesstaaten  zu  einer  deutschkonservativen
  Partei  einten,  die  gegenwärtig
  noch  besteht.

Dieser  konservativen  Phalanr  gegenüber
  hatte  sich  nach  Begründung  des
preußischen  Verfassungsstaates  eine  liberale
  Partei  ausgebildet,  im  Landtage  vertreten
  durch  die  Fraktion  der  Linken,
deren  namhaftester  Führer,  wenn  auch
mit  Unterbrechungen,  der  geniale  und  beredte
  westfälische  Freiherr  Georg  von  Vincke
war.  Sie  stellte  sich  ganz  auf  den  Boden
der  prenßischen  Verfassung,  vertrat  aufrichtig
  die  konstitutionellen  Gedanken,  gab
daher  dem  Königtum  bereitwillig,  was  das
Staatsgrundgeset  ihm  an  Rechten  normiert
hatte,  wollte  aber  auch  die  dem  Volke  gewährten
  Grundrechte  geachtet  und  im
freiheitlichen  Geiste  fortentwickelt  wissen.
Von  ihr  gilt  so  recht,  daß  sie  ihr  Parteiprogramm
  ganz  den  politischen  Freiheitsidealen
  entnahm,  welche  die  abstrakte  Lehre
vom  Staate  und  vom  Völkerglück  aufgestellt
  hatte.  Wir  begegnen  daher  in  dem-