Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

I.  Die  Errichtung  des  Norddeutschen  Bundes.  419

zur  rechten  Würdigung  des  bisher  verkannten  und  verketzerten
Realpolitikers,  welcher  dem  trotz  des  Konflikts  immer  geliebten
König  den  Weg  zu  solchen  Erfolgen  gebahnt  hatte.

Nachdem  er  sich  bei  einer  Heerschau  auf  dem  Marchfelde
angesichts  der  feindlichen  Hauptstadt  am  29.  Juli  von  den  siegreichen
  Truppen  verabschiedet  hatte,  kehrte  König  Wilhelm  am
1.  August  nach  Berlin  zurück:  der  brausende  Jubel,  der  ihn
empfing,  tilgte,  was  die  letzten  Jahre  an  Entfremdung  zwischen
ihm  und  seinem  Volke  etwa  erzeugt  hatten.  Das  kam  auch  der
von  Bismarck  vorbereiteten  Wendung  der  inneren  Politik  zugute.
  Angesichts  des  Wahlergebnisses  neigte  der  König  den
Ratschlägen  derer  zu,  die  ihn  nun  auch  als  Sieger  in  dem
Konflikte  proklamierten  und  von  Zugeständnissen  an  die  Opposition
  nichts  wissen  wollten.  Bei  Königgrätz  sollte  auch  die  Verfassungsfrage
  zu  gunsten  des  preußischen  Königtums  entschieden
und  erwiesen  sein,  daß  in  dem  Konflikt  das  Recht  auf  seiner
Seite  sei.  Das  wäre  der  nachträgliche  Verfassungsbruch  gewesen,
  unvereinbar  mit  der  von  Bismarck  und  dem  König
selbst  bisher  vertretenen  Theorie  von  den  drei  gleichberechtigten
  Faktoren.  Dafür  zu  wirken,  war  sogar  eine  Deputation
  der  Konservativen  in  Prag  erschienen,  an  der  Spitze
Kleist-Retzow,  und  hatte  gute  Aufnahme  gefunden.  Auch  wurde
dafür  geltend  gemacht,  eine  Neuordnung  der  Verfassung  sei
ohnehin  geboten  durch  die  Rücksicht  auf  die  neuen  Provinzen,
da  die  gegenwärtige  nicht  ohne  weiteres  auf  sie  ausgedehnt
werden  könne.  Als  selbstverständlich  galt  es  den  Vertretern
dieser  Ansicht,  daß  dabei  die  Machtbefugnisse  des  Königtums
entsprechend  den  im  Konflikt  gemachten  Erfahrungen  erweitert
werden  müßten.

Ganz  anders  urteilte  Bismarck.  Wie  er  Oesterreich  gegenüber
  seinen  König  zur  Mäßigung  vermocht  hatte,  um  dem  im
Felde  niedergerungenen  Kaiserstaat  die  spätere  Versöhnung  und
Verbündung  mit  Preußen  zu  ermöglichen,  so  wollte  er  auch
nicht  die  der  Wucht  der  Ereignisse  erlegenen  Gegner  im  Innern
durch  nachträglichen  Rechtsbruch  oder  erbitternde  Demütigung
zu  unversöhnlichen  Feinden  machen.  Das  widersprach  schon
der  Ritterlichkeit,  die  auch  im  politischen  Kampfe  den  Grund-