Full text : Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

1181  Gichtanfall  —  Giebel.

neben  dem  Fem.  auch  noch  das  Neutt.,  wie  mhd.:  ein
andrer  sagt,  ich  hatt  das  gicht  Riederer  230;  namentlich
  in  dem  späteren  Plur.  gichter  —  Krämpfe:  schauer,
gichter  und  ohnmachten  Schiller  1,  162;  ich  weisz
eine  zeit,  wo  du  beim  anblick  einer  krone  gichter  bekommen
  hüttest  Fiesko  1,  7;  noch  jetzt  mundartlich  in
Süd=  und  Mitteldentschland  gichter,  die  Krämpse  kleiner
Kinder.  2)  gewendet  auf  das  Gliederreißen,  a,
schon  bei  Megenberg:  (ein  Ol)  ist  guot  für  der  ädern
gegiht,  daz  artetica  haizt,  und  fur  der  fue,  und  der
Lain  giht,  dagz  podugra  baizt,  und  für  der  hend  gibt.
das  ciragra  baigt  109;  auch  niederrheinisch  ghichte,  arercularis
  morbus,  arthritis  Kilian;  seit  17.  Jh.  ziemlich
allgemein  an  Stelle  der  Bed.  1:  laufende  gicht,  darmgicht,
  gicht  un  hünden,  füuszen,  huften  Stieler;  quälet
ihn  die  gicht  Wieland  Ob.  6,  19.  3)  anderes  gicht
im  Hüttenwesen,  obere  Offnung  des  Hochofens,  wo
Kohlen  und  Eisenstein  eingeschüttet  werden,  auch  das
Maß  des  fo  Eingeschütteten;  vielleicht  aus  gist  =  Gabe.
—  Zusammensetzungen  zu  1  und  2:  Gichtanfall,  m.  Anfall
  von  Gicht.  —  Gichtbeere,  1.  die  schwarze  Johannisbeere,
  als  Mittel  gegen  Gichtschmerzen  gebraucht;  auch
die  schwarze  Vogeltirsche.  —  Gichtbruch,  k.  Lähmung,
Schlaganfall:  von  der  gichtpruch  seines  kuechts  Luther
Ausleg,  der  Ep.  1525;  gichtbruch,  die  hand  gottes,  der
Lalbe  schlag,  trifft  nur  die  ein  seiten  Henisch;  später
untergegangen.  —  gichtbrüchig,  von  Lähmung  oder
Schlaganfall  betroffen:  parc#####s  gichtprichig,  gichtbrochiger
  Dief.;  von  einer  gichbruchigen  junefrouwen
Ködiz  s1,  11;  mein  knecht  liegt  zu  hause  und  ist
gichtbrüchig  (andere  Lesart  gichtbruchtig)  Matth.  8,  6;
brachten  sie  zu  jm  einen  gichtbruchigen  (gichtbruchtigen)
  9,  2;  in  neuerer  Spr.  dem  eigentl.  Sinne  nach
nicht  mehr  verstanden,  an  gicht  2  angeschlofssen:  eine
alte  base,  gichtbruchig,  taub,  an  einem  ange  blind
Wieland  Klelia  1,  231.  —  Gichlfieber,  a.  mit  der  Gicht
verbundenes  Fieber.  —  Gichtkraut,  v.  Name  mehrerer
Pflanzen  als  Gichtnrittel,  des  Storchschnabels,  der  Maßlieben
  und  der  Sälbsselblume.  —  Gichtmittel,  u.  Mittel
gegen  die  Gicht.  —  Gichtwasser,  #.  abgezogenes  Wasser
gegen  bie  Gicht.

Gichterisch,  von  Krämpfen  ergriffen  (nach  dem  Plur.
gichter  zu  gicht  1);  erst  im  18.  Ih.  erscheinend:  gichtrisch
zuekt  die  starre  sehne  Schiller  1,  299;  das  gichterische
  wälzen  des  sterbenden  wurms  Fiesko  1,  12;  Gianettino
  bäumt  sich  gichterisch  Bühnenbearbeitung  4,  17
(im  ersten  Fiesko  5,  3  hüumt  sich  krumpfig);  gichtrisch
zucken  deutet  an,  dasz  nun  der  todeskampf  begann
Droste  421.  —  gichtig,  1)  nach  gicht  1,  von  Lähmung
besallen,  mhd.  gihbtic:  arulitieus  gichtiger  Dief.;  von
blinden,  lamen,  gichtigen  Luther  v.  d.  10  Aussetzigen
1521;  dann  auf  gicht  2  bezogen:  gichtig,  ark  #brlsc,
eusus  artus  laborant  Henisch;  auch  —  böse,  zornig:
gichtig,  arthritieus,  biliosus,  irucundus  Steinbach;
  ward  er  so  gichtig,  bösz  und  kiebig  Garg.  196.
2)  anderes  gichtig,  bekennend,  geständig,  zu  mhd.  giht
Aussage,  Geständnis  gehörig,  lange  als  Rechtsausdruck
lebend:  einer  schuld  gichtig  sein  und  bezahlen,  seiner
verheiszung  nit  gichtig  und  anred  sein,  auch  eincr  sund
gichrig  sein  Henisch;  gichtiger  mand,  der  bekennende;
namentlich  bei  der  Folterung:  gichtig  sein,  als  wenn
man  einen  foltcret  ebd.,  mit  dem  Verbum  einen  gichten,
peinigen,  und  mit  gichtung,  folterung,  gichter,  forkor,
car#ns  ebd.  Stieler,  im  15.  Jb.  veraltet.  —  gichkisch,
von  der  Gicht  ergriffen,  zu  ihr  gehörig:  die  gichtische
materie  auflösch  Adelung:;  begaben  sich  auf  etwas  gichtischen
  füszen  zu  ihrer  nachtruhe  Keller  Seldw.  2,  91.

Gickel,  s.  guckel.  —  Gicks,  s.  kicks.

Giebel,  m.  1)  oberer  spitz  zulausender  Raum  eines
Hauses  zwischen  den  Dachseiten;  von  der  Bed.  Stirnoder
  Kopsseite  ausgehend,  goth.  gibla  Zinne  (des  Tempels),
  ahd.  gibil  Stirnseite  der  Stistshütte,  auch  über-1182



tragen  in  vordkibel,  sontkibel,  hämilgibel  auf  bie  Pole;
mhd.  gidel  in  unserer  Bed.;  im  Ablaut  stehend  altnord.
gafl  Giebel;  nächster  Verwandter  ist  ahd.  gebal,  ubd.
gebel  Schädel,  Kopf,  ahd.  gidila  Schädel,  urverwandt
griech.  kephale  Kopf.  orthoconiunm  gipel,  gippel,  gebel,
gebbel,  gibel  am  hüs  Die  f.:  der  fördere  gibel  an  einem
gebaw  Henisch;  binterer  giebel,  seitengiebel;  wehbu
die  flammen  schon  bis  an  des  giebels  böhn  Schiller
Zerst.  Trojas  126;  von  des  banses  weitschauendem  gicbel
Glocke  136;  dort  auf  höchstem  giebel  Keller  Werke
9,  243;  sprichwörtlich:  die  haushaltung  bstat,  gleich
wie  das  haus  ein  gibel  hat  Wickram  Bilg.  699;  —
in  der  Bankunst  auch  giebelähnliche  Ausschmückungen
über  Fenstern  und  Thüren,  fenslergiebel,  thurgiebel:  —
übertragen,  bei  Jägern  „einiger  Gegenden  (Adelung)
auf  den  Gipfel  eines  Baums  (vgl.  giedeldruch,  reich);
—  in  bildlicher  dichterischer  Rede:  der  festesrede  giebel
Uhland  105;  die  schönheit  bleibt  des  lebens  giebel
Geibel  2,  84.  2)  Name  eines  Flußfisches,  eα
Kcbso,  auch  die  giebel.  —  Zusammensetzungen  zu  1:
Giebelbruch,  m.,  f.  gipfelbraen.  —  Giebeldach,  u.  Dach
welches  Giebel  eines  Gebäudes  einschließt.  —  Giebelfeld,
  n.  Feld  an  einem  Bauwerke,  das  unten  von  einem

auptgesims,  oben  von  Dachleisten  umrahmt  wird.  —
Giebelhaus,  n.  Haus  mit  dem  Hauptgiebel  nach  der
Straße.  —  giebelreich,  von  starkem  oder  mächtigem  Gipfel,
von  einem  Baum  gesagt,  der  oben  in  der  Spitze  nicht
schnell  abschüssig  und  schwach  wird;  auch  giptelreich.  —
Giebelspieß,  m.,  Giebelspitze,  s.  bei  Zimmerleuten  die
sentrechte  Säule  im  Dache  eines  Gebäudes,  woran  sich
die  Säulen  des  stehenden  Dachstuhls  stemmen.

Gienmuschel,  t.  Name  einer  Muschelgattung  chamo:
der  erste  Teil  des  Wortes  zu  altem  gienen,  mhd.  ginen
das  Maul  aufsperren,  gähnen,  nach  der  Eigenschait  solcher
Muscheln,  sich  bisweilen  von  einander  zu  thun;  holländ.
gaaper  —  Gaffer.

Gier,  f.  hestiges  Verlangen,  ahd.  girt,  mhd.  gir,  ger,
zu  gern,  gehren,  geier  (s.  d.)  gehörig;  früher  in  allgemeinerem
  Brauch:  Apollo  merkt  seins  berzen  gir
BWaldis  Esop  3,  30;  jetzt  durch  begier  abgelöst,  so
daß  uns  gier  nur  noch  die  besonders  starke  Art  des
Begehrens  bezeichnet,  vgl.  blut  -,  geldgier;  etwus  mil.
gier  betrachten,  verschlingen.  —  Gierde,  f.  für  Gier;
in  älterer  Spr.  in  der  mäßigern  Bed.  von  begierde  (s.  d.):
meine  wollust,  meine  gierde  Schottel  835;  jetzt  in
stärkerer:  gierde  lanert,  unschuld  weint  Grillparzer
2,  19.  —  gieren,  Gier  empfinden,  mhd.  girn,  niederl.
ghieren,  ghiersen  doide  pefere,  inhiare  Kilian;  darnach
  sie  sich  sehnen,  gieren  und  seufzen  Mathesinus
Sar.  159  ;  er  giert  darauf,  wie  eine  dole  auf  eine
nasz  Stieler;  der  nach  speise  und  wein  nur  giert
Voß  Oddff.  20,  378;  (er)  zammt  ..  mit  gewalt  das
gieren  der  sinnlichkeit  Wieland  Wasserkuje  242.  —
Picrig,  Gier  empfindend,  mhd.  giric:  ae#d##us,  cupfa
girig,  girich,  gerig  Dief.  neben  begicrig  (s.  d.);  von
Lebewesen,  gewöhnlich  in  Bezug  auf  deren  heftiges  sinnliches
  Verlangen:  ein  giriger  beer  Spr.  Sal.  29,  15;
gierige  menschen,  gcizhälse,  wucherer;  gierig  sein  nacb,
auf  etwas:  scid  gierig  nach  der  vernünftigen  lautern
milch  1.  Petr.  2,  2;  wie  uberaus  gierig  und  darstig  sie
sind  nach  der  fromen  christen  blut  Luther  das  16.  Cap.
Joh.  1538;  das  tier  ist  so  girig  auf  czzen  Megenberg
  150,  6;  so  gierig  er  (der  Pöbel)  aaf  neoigkeiten
  ist  Goethe  Götz  1;  mit  Gen.:  gierig  der  arbcit
Uchilleis  1;  adverbial:  krisz  nicht  zu  girig  Sir.  37,  32;
gierig  schlurfte  sie  den  donkel  blatgefarbten  wein
Goethe  Br.  v.  Corinth  14;  von  Körperteilen,  Handlungen:
  gierige  augen,  wünsche;  ein  gieriger  blick
macht  das  ehrwürdigste  gesicht  lächerlich  Lessing
VLact.  22;  so  giceig  schmachtende  blicke  Schiller  Räub.
1,  2;  die  .  ihre  gierigen  hände  nach  der  reichen  heute
ausstreckten  Treitschke  1,  516;  die  wilden  augen

Giebelbruch  —  gierig.