22 1. Die Gernianen und das römische Reid).
Eigentliche Strafen im juriftiichen Sinn gibt e8 noch nicht. Die
einzelnen und ihre Sippen ftehen fich gegenüber: vergofjenes Blut
wird entweder von der Sippe des Ürichlagenen blutig gerächt
oder durch eine Buße gejühnt, und nur wo Die geforderte oder
vereinbarte Buße nicht geleiftet wird, jchreitet die größere Gemein-Ichaft,
daS Gericht der freien Männer ein und fest den Verurteilten
aus dem Frieden, macht ihn friedlos wie den Wolf im Walde.
Gewifle in den Augen der Vollsgenofjen bejonder3 jchwere Ber-Ihuldungen
werden allerdings von Gemeinjchafts wegen mıit dem Tode
gejühnt oder gejtraft; die Hinrichtung vollzieht dann der Briejter,
auch er wohl zumeift aus einem der edlen Gejchlechter entnommen.
Sehr wenig bieten die römifchen Erzähler unjerer Wißbegier
ın Beziehung auf das geiltige Xeben — die Neligionsvorjtellungen,
in denen das Volk jih in jenen erften Jahrhunderten vor und
nad) Chriftus bewegte, und wir fünnen e3 aus anderen Quellen,
fortlebenden Geftalten der Volfsphantafie, jpäteren Sammlungen
nordiicher Heldenlieder, Vergleihung der NReligionsvorftellungen
anderer Völker doch nur jehr wenig ergänzen. Die römischen Quellen
nennen al3 Hauptgötter der Germanen, die fie mit den ihnen geläufigen
Namen Sol, Merfurius, Mars, Herkules nennen, einen
Wind- und Wolfengott Wuotan, einen Gott des Krieges Zu, der
unter verjchiedenen Namen wohl überall verehrt Yvurde, einen Gewittergott
Thor, Donar — vielleicht den von Cäfar erwähnten
Teuergott, den er mit römischen Namen Bırlfan nennt. Auch
die freundlichere Seite fehlt nicht, göttliche Frauengeftalten, Frigga,
Kertgus, Wafler- und Waldfrauen, wie fie denn, nach den bedeutenden
Worten des Nömers, den rauen überhaupt eine hohe
Stellung und befonderes Verhältnis dem Göttlichen gegenüber zıerkannten:
„fie glauben”, jagt Zacıtus, „Daß den Frauen etwas
Heilige und Ahnungsvolles inneivohne." „Und jo”, fügt er Hinzu,
„verjchmähen fie ihre Natjchläge nicht und achten auf ihre
Sprüche": wir jahen, welche Rolle die weilen Frauen im Heere
Ariovijt3 jpielten. Ihre Phantafie verjtieg fich wohl zu der Vorjtellung,
im nächtlichen Sturmwind führe Wuotan die Seelen der