406 Das Denisqt Reith und seine einzelnen Glieder. (Oltober 12.)
Euerer Kaiserlichen Majestät wichtige Mitteilung vom 7. September
d. J. habe ich erhalten und von ihr mit größtem Interesse und Anieil
Kenntnis genommen. Ich fühle mich geehrt, daß Sie Sich wegen eines
unparteiischen Urteils an mich als den Vertreter einer an dem gegenwärtigen
Kriege wahrhaft unbeteiligten Nation gewendet haben, die den aufrichtigen
Wunsch hegt, die Wahrheit kennen zu lernen und zu berücksichtigen. Sie
werden, dessen bin ich sicher, nicht erwarten, daß ich mehr sage. Ich beie
zu Gott, daß dieser Krieg recht bald zu Ende sein möge. Der Tag der
Abrechnung wird dann kommen, wenn — wie ich sicher bin — die Nationen
Europas sich vereinigen werden, um ihre Streitigkeiten zu beendigen. Woa
Unrecht begangen worden ist, werden die Folgen nicht ausbleiben, die
den Schuldigen auferlegt werden. Die Völker der Erde haben sich glücklicherweise
auf den Plan geeinigt, daß solch eine Abrechnung und Einigung
stattfinden muß. Soweit jedoch ein solcher Plan unzureichend ist.
wird die Meinung der Menschheit, die letzte Instanz in all solchen Anelegenheiten,
ergänzend eingreifen. Es wäre unklug, es wäre verfrüht
für eine einzelne, selbst eine dem gegenwärtigen Kampf glücklicherweise
fernstehende Regierung, es wäre sogar unvereinbar mit der neutralen Haltung
einer Nation, die, wie diese, an dem Kampfe nicht beteiligt ist, sich
ein endgültiges Urteil zu bilden oder es zum Ausdruck zu bringen. Ich spreche
mich so frei aus, weil ich weiß, daß Sie erwarten und wünschen, daß ich
wie ein Freund zum Freunde spreche und weil ich sicher bin, daß eine
Zurückhaltung des Urteils bis zur Beendigung des Krieges, wo alle Ereignisse
und Umstände in ihrer Gesamtheit und ihrem wahren Zusammenhang
übersehen werden können, sich Ihnen als wahrer Auedruck aufrichtiger
Neutralität von selbst empfehlen wird. Woodrow Wilsson.
12. Oktober. Mitteilungen der deutschen Regierung aus Dokumenten,
die in Brüssel in den Archiven des belgischen Generalstabs
aufgefunden wurden und die bezeugen, daß England selbst Belgien
zu einer einseitigen Parteinahme für die Ententemächte bestimmt
hatte und daß Belgien, dieser Lockung folgend, die Verpflichtungen
seiner neutralen Stellung schon seit Jahren gebrochen hatte.
Der wesentliche Teil dieser Veröffentlichung lautet: Aus dem Inhalt
einer Mappe, welche die Ausschrift trägt „Intervention anglaise en Belzique“
geht hervor, daß schon im Jahre 1906 die Entsendung eines englischen
Expeditionskorps nach Belgien für den Fall eines deutsch-französischen
Krieges in Aussicht genommen war. Nach einem vorgefundenen Schreiben
an den belgischen Kriegsminister vom 10. April 1906 hat der Chef des
belgischen Generalstabes mit dem damaligen englischen Militärattaché in
Brüssel, Oberstleutnant Barnardiston, auf dessen Anregung in wiederholten
Beratungen einen eingehenden Plan für gemeinsame Operationen eines
englischen Erpeditionskorps von 100000 Mann mit der belgischen Armec
gegen Deutschland ausgearbeitet. Der Plan fand die Billigung des Cdefs
des englischen Generalstabs, Generalmajor Grierson. Dem belgischen Generalstab
wurden alle Angaben über Stärke und Gliederung der englischen
Truppenteile, über die Zusammensetzung des Expeditionskorps, die Ausschiffungspunkte,
eine genaue Zeitberechnung für den Abtransport u. dol.
geliefert. Auf Grund dieser Nachrichten hat der belgische Generalstab den
Transport der englischen Truppen in das belgische Aufmarschgebiet, ihre
Unterbringung und Ernährung dort eingehend vorbereitet. Bis in alle
Einzelheiten ist das Zusammenwirken sorgfältig ausgearbeitet worden. So