Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6. (6)

XIII

unter  dem  von  Bismarck  geschickt  ausgenutzten  Druck  der  nationalen  Hochstimmung,  die
durch  das  Akutwerden  der  Luxemburger  Gefahr  erzeugt  wurde,  eine  rasche  Einigung
zwischen  dem  Reichstage  und  den  verbündeten  Regierungen  erzielt  werden  konnte.

Wäre  es  nach  Bismarck  gegangen,  so  hätte  der  günstige  Einfluß  des  Luxemburger
„Inzidenzfalles“  auch  zu  einer  Beschleunigung  der  Reichsgründung  geführt.  Schon  unmittelbar
  nach  Königgrätz  hat  Bismarck  keinen  Zweifel  daran  gelassen,  daß  er  in  dem
Norddeutschen  Bunde  nur  eine  Etappe  zur  Herstellung  der  deutschen  Einheit  sah.  Es
bedeutet  einen  seiner,  sich  gerade  im  Kriege  1866  häufenden  diplomatischen  Triumphe,  daß
er,  indem  er  scheinbar  dem  Wunsche  Napoleons  III.,  die  preußische  Machtsphäre  streng
auf  Norddeutschland  beschränkt  zu  sehen,  völlig  Rechnung  trug  und  in  den  Nikolsburger
Präliminarien  der  Errichtung  eines  selbständigen  Südbundes  zustimmte,  gerade  durch
diesen  Friedensvertrag  das  Mittel  gewann,  um  die  nationale  Verbindung  der  süddeutschen
Staaten  mit  dem  Norddeutschen  Bunde  offen  zu  halten,  ja  sie  im  voraus  gewissermaßen
als  eine  Angelegenheit  der  inneren  deutschen  Entwicklung  sanktionieren  zu  lassen.  Überboten
  wird  dieser  Triumph  fast  noch  durch  die  Geschicklichkeit,  mit  der  er  die,  just  am
Tage  des  Nikolsburger  Abschlusses  erstmalig  angemeldeten  französischen  Kompensationsforderungen
  auf  deutsches  Gebiet  dazu  ausnutzte,  um  den  süddeutschen  Staaten  die  Eingehung
  von  gegenseitigen  Garantieverträgen  abzugewinnen.  Mit  diesen  Schutz-  und  Trutzbündnissen
  war  nach  der  Sicherung  des  norddeutschen  Bundesverhältnisses  schon  eine  zweite
Etappe  zur  Herstellung  der  deutschen  Einheit  gewonnen.  Jedoch  hat  Bismarck  mit  den
süddeutschen  Verträgen,  die  Preußen  doch  wohl  nicht  gegen  Frankreich  allein,  sondern  auch
gegen  Österreich  und  vor  allem  gegen  eine  französisch-österreichische  Koalition  sichern  sollten,
nicht  etwa  schon  eine  kriegerische  Herstellung  der  deutschen  Einheit  ins  Auge  fassen  wollen.
Im  Gegenteil,  die  Art,  wie  er  die  französischen  Kompensationsansprüche    auf  Luxemburg
  und  Belgien  ablenkte,  wie  er  dann  in  den  ihm  von  Benedetti  auf  dieser  Grundlage
am  17.  August  vorgelegten  Bündnisentwurf  einen  Artikel  einfügte,  durch  den  Napoleon
sich  verpflichtete,  den  bisherigen  Widerstand  gegen  die  deutsche  Gesamteinigung  aufzugeben,
wie  er  schließlich,  genau  in  der  mit  Benedetti  verabredeten  Weise,  Verhandlungen  mit
den  Niederlanden  einleitete,  die  diese  der  Aufgabe  Luxemburgs  geneigt  machen  sollten,  zeigt,
daß  Bismarck  der  friedlichen  Einigung  Deutschlands  im  Einverständnis  mit  Frankreich
weitaus  den  Vorzug  vor  der  Vollendung  der  Einheit  auf  französischen  Schlachtfeldern
gegeben  hätte.  Welche  welthistorische  Perspektive,  wenn  es  Bismarck  wirklich  gelungen
wäre,  die  Einigung  Deutschlands  durchzuführen,  ohne  daß  sich  zwischen  diesem  und  dem
westlichen  Nachbarn  eine  tiefe  und  verhängnisvolle  Kluft  neu  gebildet  hätte!  Auch  als  der
Einspruch  Wilhelms  I.,  daneben  vielleicht  Bismarcks  eigene  Besorgnis,  den  Einklang  mit
dem  deutschen  Nationalgefühl  einzubüßen,  auf  das  er  seine  Politik  seit  der  Konstituierung
des  Norddeutschen  Bundes  mehr  und  mehr  eingestellt  hatte,  ihn  nötigte,  von  der  Verfolgung
  jenes  Weges  abzustehen,  der  ohnehin  durch  ein  unglaublich  ungeschicktes  Vorgehen
Frankreichs  ungangbar  wurde,  hat  er  sich  dennoch  weiter  bemüht,  neue  Möglichkeiten  für
ein  Zusammengehen  mit  Napoleon  III.  in  der  römischen  und  der  orientalischen  Frage  zu
gewinnen.  In  der  ersteren  wollte  Bismarck  zwar  nicht  nach  den  französischen  Zumutungen
so  weit  gehen,  sich  auf  eine  Garantie  der  päpstlichen  Herrschaft  einzulassen,  wodurch  nur
die  noch  vom  Kriege  1866  her  bestehende  preußische  Allianz  mit  Italien  kompromittiert
worden  wäre;  aber  er  war  doch  erbötig,  sich  mit  dem  franzölischen  Kaiser  im  Sinne  eines
gemeinsamen  ehrlichen  Maklertums  zwischen  der  Kurie  und  der  italienischen  Regierung
zusammenzufinden.  In  der  orientalischen  Frage  war  Bismarck  sogar  bereit,  die  fran-