„Das einzige Eisen, das wir im Feuer haben“. Sackens Studien. Hoffnung auf bewegte Zeiten. 263
kommen zu lassen, so würde uns dies in einer Stellung wie die angedeutete sehr erleichtert
werden. Außerdem dürfte sich an die Nichtbeteiligung des Deutschen Bundes auch die
Forderung des Ausschlusses Dänemarks, als der andern Partei, knüpfen lassen, so daß man
den eventuellen Konferenzen ausschließlich den Charakter einer Besprechung der fünf
Großmächte über eine den Frieden Europas angehende Frage vindizierte.
231. Privatschreiben an Minister v. Schleinitz.
28./ 16. Juni 1861.
Verehrtester Freund
Obschon ich den dürftigen Stoff, welchen mir der Augenblick zu Mitteilungen darbietet,
zu einigen nüchternen Berichten vollständig versponnen habe,¹) so kann ich doch den Adler
nicht abgehen lassen, ohne Ihnen meinen herzlichen Dank für die freundlichen Zeilen zu
sagen, welche mir der letzte Kurier von Ihrer Hand²) brachte. Die Einsamkeit, in welcher ich
mich nach Abreise meiner Familie in dieser von allen reisefähigen Leuten verlassenen Residenz
befinde, macht mir Heimweh, und ich bin daher doppelt erfreut über die Aussicht, welche Sie
mir auf baldige Urlaubsbewilligung eröffnet haben.
Der Kaiser ist in Zarskoje, manövriert täglich in Krasnoje Selo, wo das Lager steht,
und ist für unsereinen unzugänglich, während Grolman, der als letzter Nachzügler der persischen
Expedition gestern hier eintraf, in der Leutnantsuniform schon heut in die allerhöchste Gegenwart
vorgedrungen ist. Ich wüßte indes auch nicht, welchen politischen Vorteil ich augenblicklich
von einer Audienz bei Sr. M. ziehen sollte; das einzige Eisen, das wir im Feuer
haben, ist Schleswig-Holstein, und das ist nicht nur dem Kaiser, sondern auch Gortschakow
eine terra incognita; wenigstens bürdet der letztere jede Besprechung der Sache nach Möglichkeit
auf den alten Baron Sacken ab, der unter Herrn von Gruners Vater in der
Zentral-Kommission von 1814 seine politischen Studien gemacht hat und seitdem als
Spezialität für alle verwickelten deutschen Fragen gilt, jetzt aber zu meinem Leiden zwei
Meilen von hier auf dem Lande wohnt.
Ich würde es für kein Unglück halten, wenn wir uns in der Art auf die Konferenz einließen,
daß wir in betreff Holsteins die Kompetenz des Bundes reservierten, den schleswigschen
Zipfel der Frage aber den Mächten zum Verhandeln vorhielten; wird an demselben
die ganze Frage zur Besprechung gezogen, so können wir ja die Saiten so hoch spannen, daß es
keine Harmonie gibt, und der Feuereifer Oesterreichs für Schleswig-Holstein, nebst der
hinter uns stehenden zweiten Instanz in Gestalt des Bundes, werden eine „dilatorische Behandlung“
der Sache, wie wir in Frankfurt sagten, sehr erleichtern. Rechberg wird gewiß
das seinige tun, um zu hindern, daß uns dieses Päckchen definitiv von den Schultern genommen
werde. Im allgemeinen sage ich mir stets, daß eine befriedigende Lösung der
Gesamtfrage nur in dem Falle zu erwarten ist, wenn einmal in bewegten Zeiten, wo die
Zustände flüssiger werden, Preußen zu einer günstigen Machtstellung gelangt. In einem
solchen Moment würden wir uns aber an solche nachteiligen Abmachungen, welche inzwischen
über die Herzogtümer etwa getroffen worden wären, nicht weiter zu kehren
brauchen. Die Verträge gehn heutzutage schnell durch mannigfache Wandlungen, eine
1) Vgl. Nr. 228—230.
2) Vgl. Briefwechsel mit Schleinitz Nr. 65.