schein nach wirtschaftlich, im Grunde genommen politisch. Die Angriffe
zielten im Grunde genommen gegen Deutschland : der ganze Orient sollenunmehr
unter die ‚„germanische Hegemonie‘‘ gebracht werden. Großbritannien
behauptete eine unerhörte Gefährdung seines Seehandels durch die Bahn,
die Balkarnstaaten waren entrüstet über einen solchen Ausbau der österreichischen
Stellung auf der Halbinsel. Als Gegenschlag einigten sich die
Mächte auf das Projekt einer Bahn quer durch die Balkanhalbinsel;; weder
die eine Bahn noch die andere ist gebaut worden. Was nicht gesagt wurde,
war u. a. die Tatsache, daß das Bahnprojekt Aehrenthals nicht mit Berlin
vorher besprochen worden war, sondern auch dort überrascht hatte. Die
Motive hierfür lagen in der österreichischen Orienteifersucht auf die Türkenpolitik
Wilhelms II. Aehrenthal, ein ehrgeiziger, eitler Mann, wollte zeigen,
daß er auch da sei. Ihm galt, wie allen jenen Wiener Diplomaten, für den
Fall, daß Schwierigkeiten mit anderen Mächten entstehen sollten, als Selbstverständlichkeit,
daß der große Bruder in Berlin die Sache bis in alle Konsequenzen
ausbaden werde. Andererseits äußerte sich .Aehrenthal damals
gerade Vertretern anderer Nationen gegenüber über das Bündnis mit
Deutschland sehr arrogant: das Wesen des deutsch-österreichischen Bündnisses
liege in dem beiderseitigen Interesse, daß jede von ihnen eine Großmacht
bleibe. Für gewisse deutsche Sonderinteressen habe das Bündnis keine
Geltung: ‚Wenn Deutschland z. B. im Baltischen Meere oder in der Nordsee
ein spezielles Interesse hätte und dort Verwickelungen entstehen würden,
so würden dadurch unsere Verpflichtungen nicht berührt.“
Um dieselbe Zeit hatten der König von England und der Zar eine Begegnung
in Reval, die, wie später bekannt geworden ist, ein entscheidendes
Vorgehen gegen Deutschland und Österreich-Ungarn und damit den Weltkrieg
vereinbarte, sobald Rußland wieder die nötige militärische Stärke gewonnen
haben würde. Die militärischen Autoritäten Rußlands haben dafür
einen Zeitraum von sechs bis acht Jahren verlangt. Später, nach dem Kriege,
haben auch die Veröffentlichungen der russischen Geheimarchive durch die
Sowjetregierung dokumentarisch erwiesen, daß im Jahre 1908 der Koalitionskrieg
gegen die Mittelmächte für das Jahr 1914 oder 1916 angesetzt
wurde. Im gleichen Jahre ist britischerseits versucht worden, durch Einwirkung
auf den Kaiser Franz Joseph das österreichisch-deutsche Bündnis
zu lockern. Der alte Kaiser war klug und erfahren genug, um einzusehen, daß
dann die Zerstückelung der Doppelmonarchie von vornherein sicher war,
während diese, und damit das Kaiserhaus an Deutschlands Seite, in einem
großen Kriege eine nicht geringe Aussicht haben würde, den Krieg zu überstehen.
In Deutschland sind viele, auch der Kaiser, über diese ‚Treue‘ tief
gerührt gewesen, sehr mit Unrecht!
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