Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1883. (24)

Das  deutsche  Reich  und  stine  einzelnen  Glieder.  (31.  März.)  51

Wahlgange  stellt  die  Partei  überall  selbständige  Kandidaten  auf;  Kompromisse
sind  verboten.  Bei  Stichwahlen  ist  im  Allgemeinen  Wahlenthaltung  zu  beobachten.
  Die  Frage  einer  Verlängerung  oder  Aufhebung  des  Sozialistengesetzes
  dürfe  die  Parlei  in  keiner  Weise  in  ihrer  Haltung  beeinflussen.  Es
wurde  direkt  beschlossen,  ganz  dieselbe  Taktik  wie  bisher  beizubehallen.  Der
Kongreß  sprach  sich  alsdann  entschieden  gegen  jederlei  Nachgiebigkeit  gegenüber
den  „herrschenden  Klassen“,  sowie  gegen  jede  auf  die  Nachsicht  der  Behörden
spekulierende  Rücksichtenahme  aus  und  forderte  ein  „rücksichtsloses  Vorgehen
der  Partei“.  (Das  wurde  einstimmig  angenommen.)  Ebenso  wurde  einstimmig
  eine  sehr  scharfe  Resolution  gegen  die  sogenannte  Sozialreform  im
Deutschen  Reich  augenommen,  in  welcher  der  Kongreß  die  überzeugung  ausspricht,
  daß  die  sogenannte  Sozialreform  nur  als  taktisches  Mittel  benutzt
wird,  um  die  Arbeiter  von  ihren  wirklichen  Interessen  abzuleiten.  „Der
Kongreß  hält  es  aber  für  die  Pflicht  der  Partei,  bezw.  deren  Vertreter  in
den  Parlamenten,  bei  allen  auf  die  ökonomische  Lage  des  Volkes  gerichteten
Vorschlägen,  gleichviel  welchen  Motiven  sie  entspringen,  die  Interessen  der
Arbeiterklasse  energisch  wahrzunehmen,  selbstverständlich  ohne  dabei  auch  nur
einen  Augenblick  auf  die  Gesamtheit  der  sozialdemokratischen  Forderungen  zu
verzichten.“  Außer  diesen  Beschlüssen  dürfte  noch  Folgendes  von  Interesse
sein:  Die  Einnahmen  der  Partei  betrugen  innerhalb  Deutschlands  vom
August  1881  bis  Februar  1883  95,000,  außerhalb  Deutschland  16,000  .  M
Als  lokale  Einnahmen  (für  Unterstützungen,  Wahlen  ect.)  wurden  150,  000  .  M.
angegeben.  Von  nordamerikanischen  Parteigenossen  ließen  zu  den  Wahlen
13,000  M.  ein.  Außerdem  soll  das  Parteiorgan  der  Sozialdemokraten  in
Zürich  wesentliche  Einnahmen  liefern  und  überall  gelesen  werden.  Es  habe
sich  ferner  gezeigt,  daß  gerade  in  den  Städten  des  kleinen  Belagerungszustandes
  die  Opferwilligleit  und  das  Zusammenhalten  der  Partei  am  stärksten
  sei.  Auch  im  Elsaß  und  in  Posen  soll  das  nächstemal  in  die  Wahlen
eingetreten  werden.  Man  will  dort  die  Initiative  den  elsässichen,  resp.  den
polnischen  Sozialisten  überlassen.  Von  russischen  und  französischen  Sozialisten,
sowie  aus  Nordamerika  waren  Adressen  eingegangen.  Da  man  in  Kopenhagen
  einen  Augenblick  an  die  Möglichkeit  einer  Auflösung  des  Kongresses
durch  die  dänische  Polizei  dachte,  so  ward  damals  beschlossen,  jedenfalls  weiter
zu  tagen,  und  wenn  nötig,  zu  diesem  Zwecke  nach  Schweden  überzusiedeln.

31.  März.  (Bayern.)  Das  Generalkomité  des  landwirtschaftlichen
  Vereins  in  Bayern  faßt  in  einer  Plenarversammlung
nach  vierstündiger  Debatte,  an  welcher  sich  auch  der  Ehrenpräsident
des  Vereins,  Prinz  Ludwig,  beteiligt,  mit  Zweidrittel-Mehrheit  folgenden
  Beschluß:

„Es  ist  eine  Erhöhung  (Verdoppelung)  der    Getreide-Eingangszölle  und
in  Konsequenz  hiervon  der  Eingangszölle  für  Mühlenfabrikate  zur  Hebung
des  Getreidebaues  im  Inlande  für  die  Landwirtschaft  wie  für  die  Gesamtbevölkerung
  anzustreben  und  soll  der  Eingangszoll  für  Reps  jenem  für  Weizen
gleichgestellt  werden.“  Von  den  acht  Kreiskomités  des  Vereins  hatten  sich
indes  nur  fünf  für  und  drei  gegen  eine  solche  Erhöhung  ausgesprochen.

—  März.  (Preußen.)  Reskript  des  Handelsministers  Fürst
Bismarck  an  die  Oberpräsidenten  gegen  die  deutschen  Privat-Feuerversicherungsgesellschaften.


Dasselbe  stellt  als  Thatsache  hin,  „daß  sich  der  Betrieb  der  Feuerversicherung
  zum  überwiegenden  Teile  in  den  Händen  von  Aktiengesellschaften

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