144 Die türkische Frage vom staatswissenschaftlichen Standpuult. (416
gehen und sich hier begegnen. Auf dem Punkte wo dies geschieht, entsteht
alsdann vermöge leicht nachweisbarer volkswirthschaftlicher Gesetze ein bestimmter
Verkehrsplatz, auf welchem jene Linien sich zusammenfinden und sich
kreuzen, indem hier jede jener Linien die Personen und Güter, welche
sie ihrerseits bis zu jenem Punkte gebracht, gleichsam deponirt, um das
von einer andern der Kreuzungslinien Herangebrachte ihrerseits aufzunehmen
und in ihre Ebene — ihren Ausgangspunkt — zurückzuführen.
Ein Physiolog, ohne sich genauer um die Sache zu kümmern, würde
sagen, daß sich jene Bewegungen dort „auslösen“. Der Grund dafür ist
natürlich die Ersparniß der Transportkosten — etwas eben so Einfaches
und doch eben so Gewaltiges als die Gravitation welche das Firmament regiert.
Naturgemäß bildet sich daher ferner auf diesem Punkte Etwas, das einem
Niederschlag ähnlich ist — Menschen, Gebäude, Wirthschaften, Unternehmungen
aller Art, welche ihrerseits alsbald eine selbständige wirthschaftliche
Kraft und Erscheinung erzeugen. Eine solche nun nennen wir kurz
eine Handelsstadt. Man wird uns das Eingehen auf Einzelnes wohl erlassen.
Allein das steht fest als das oberste Gesetz aller Städtebildung,
daß jede Handelsstadt in der Mitte ihrer Produktions= und Konsumtionsebene
liegt, und daß sie natürlich um so größer und mächtiger wird, je größer
und mächtiger die Ebenen selbst find, für welche sie den Mittelpunkt abgibt.
Denn da wo Produktion und Konsumtion sich berühren, entsteht
stets Das, was wir den Ueberschuß nennen, und was als volkswirthschaftliche
selbständige Kraft gedacht und in Geld gemessen, das Kapital heißt.
Nun aber ist die größte aller Ebenen und die billigste Verkehrsstraße
immer das Meer. Da wo sich daher Ebenen und Meer berühren, muß
mit derselben Gewißheit, mit der sich die Erde um die Sonne bewegt und
die Jahreszeiten einander folgen, die Haupthandelsstadt entstehen; nur daß
die Oertlichkeit dabei allerdings von dem specifischen Faktor eines vorhandenen
guten Hafens bedingt ist. Rom, Athen, London, Kopenhagen,
Stockholm, Petersburg find Beispiele. Ist dagegen das Ebenensystem des
Landes ein in sich abgeschlossenes, so herrschen die Kommunikationsverhältnisse
des Landes vor und die Hauptstadt des Verkehrs liegt dann in der
Mitte des Landes, stets aber vermöge desselben Gesetzes der Städtebildung
einen schiffbaren Fluß, das Analogon des Hafens suchend. Beifpiele dieser
Städtebildung find Madrid, Paris, Berlin, Wien, Turin, hundert andere.
Wir sagen daher in der Lehre von der nationalökonomischen Phyfiologie,
daß die Vertheilung der Städte in der Welt von der Vertheilung der
Ebenen, der Platz derselben von den Verkehrsbedingungen, und ihre Größe
und Bedeutung von der Größe und wirthschaftlichen Entwickelung der
Ebenen bedingt ist, welche sie verbinden.
Unter allen Städten der Welt hat nun keine eine größere Bedeutung
in diesem Sinne als Konstantinopel; denn dasselbe verbindet nicht blos
die Ebenen der Türkei und Kleinasiens als die Gebiete ihrer natürlichen
Herrschaft, sondern auch die des Schwarzen und des Mittel-Meeres auf dem
Seeweg. Konstantinopel ist daher nicht durch Sultan oder Regierung,
sondern es ist vermöge elementarer Gesetze der Physiologie des Güterlebens
eine Hauptstadt und wird es auch bleiben. Durch diese seine Natur scheidet es
sich nun von allen einzelnen Gebieten, die zu demselben gehören, wirth-