Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreizehnter Jahrgang. 1897. (38)

132  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  6./8.)

Kaiser  zur  Friedenszeit  über  bayerische  Truppen  den  Oberbefehl  führte.
Die  Erwähnung  solcher  Dinge  ist  nicht  angenehm,  aber  berührt  müssen  sie
werden,  wenn  man  so  oft  von  „meinem  Heer“,  „meiner  Flotte“,  „meinem
Parlament"  u.  s.  w.  sprechen  hört.  Wenn  früher  nur  ein  paar  Armeekorps
zu  den  Manövern  herangezogen  wurden,  darf  man  doch  fragen,  ob  heuer
Manöver  in  so  großem  Umfange  notwendig  waren,  und  ich  möchte  den
Kriegsminister  ersuchen,  mit  Rücksicht  auf  das  Volk  und  auf  das  Land  auf
eine  Reduzierung  zu  dringen.

Kriegsminister  Frhr.  v.  Asch:  „Der  gesamte  Krankenzugang  in  der
Armee  war  heuer  ein  geringerer  als  in  der  gleichen  Zeit  des  Vorjahres.
Er  betrug  in  der  Zeit  vom  21.  August  bis  10.  September  bei  60  214  Mann
2050  =  34,04  auf  1000  Mann  der  Kopfstärke.  Von  diesen  kamen  ins
Lazarett  627,  die  übrigen  1423  konnten  „im  Revier“  als  leicht  Erkrankte
bei  ihrer  Truppe  ärztlich  behandelt  werden.  Am  Ende  der  Manöver  verblieben
  732  Kranke,  von  denen  495  im  Lazarett,  die  übrigen  im  Revier  behandelt
  wurden.  Den  stärksten  Krankenstand  hatte  während  der  dreiwöchigen
Dauer  der  Manöver  das  5.  Inf.-Regt.  mit  186  Erkrankten,  wovon  31  in
Lazarettbehandlung  standen,  und  das  18.  Inf.-Regt.  mit  95  Kranken;  den
geringsten  Abgang  an  Kranken  hatten  das  1.  Chev.-Regt.  mit  9  Mann.
das  4.  Chev.-Regt.  mit  6  Mann  und  das  6.  Chev.-Regt.  mit  3  Mann,  —
das  ist  „der  einem  Schlachtfelde  ähnliche  Boden“.  (Heiterkeit.)  Unglücksfälle
  und  ernstliche  Verletzungen  wurden  im  ganzen  17  gemeldet,  wovon  4
mit  den  Uebungen  in  keinem  Zusammenhange  stehen,  es  verbleiben  somit
13  Fälle:  7  Knochenbrüche,  2  Verletzungen  durch  Lanzenstiche,  3  durch
Platzpatronen  und  1  Ouetschung  des  Oberschenkels  infolge  Ueberfahrens
durch  ein  Geschütz.  Von  sämtlichen  Verletzten  ist  niemand  gestorben.  An
Hitzschlag  erkrankten  11  Mann  in  der  zweiten  Hälfte  des  August,  aber
auch  von  diesen  ist  keiner  gestorben.  Selbstmorde  kamen  im  Manöver  2
vor,  außer  diesen  ein  Selbstmordversuch.“  Ueber  die  Notwendigkeit  der
Manöver  sagt  der  Redner:  „Nicht  bloß  in  der  deutschen  Armee,  sondern
auch  in  der  österreichischen,  russischen  und  französischen  Armee  finden  Manöver
  im  größeren  Stile  und  Zusammenziehungen  größerer  Truppenkorps  statt.
Den  Nutzen  dieser  Manöver  möchte  ich  darin  finden,  daß  den  Oberkommandierenden
  Gelegenheit  gegeben  wird,  mit  größeren  Truppenkörpern  zu
rechnen,  und  die  Aufgaben  und  Pflichten  kennen  zu  lernen,  die  bei  Befehligung
  so  großer  Massen  an  sie  herantreten.  Für  die  Mannschaft  besteht
  der  Nutzen  darin,  daß  sie  einen  Vorgeschmack  bekommt  von  dem,  was
im  Ernstfalle  von  ihr  verlangt  wird.  (Unruhe  und  Heiterkeit.)  Daß  die
Manöver  einen  dekorativen  Charakter  hatten,  möchte  ich  bezweifeln;  auch
die  vom  Abg.  Schädler  bemängelten  Truppentransporte  des  ersten  Armeekorps
  waren  vollständig  dem  Ernstfalle  angepaßt.  Was  die  Kavallerieattacken
  betrifft,  so  kann  auf  erschütterte  Truppen  und  solche,  die  ihre
Munition  verschossen  haben,  jederzeit  mit  Erfolg  mit  Kavallerie  attackiert
werden.  Der  Abg.  Schädler  hat  bezweifelt,  ob  es  berechtigt  war,  daß  der
Kaiser  als  Bundesfeldherr  den  Oberbefehl  über  bayerische  Truppen  im
Frieden  führte.  Es  steht  ja  dem  obersten  Kriegsherrn  völlig  frei,  das
Kommando  demjenigen  zu  übertragen,  dem  er  es  übertragen  will,  und  wenn
das  geschehen  ist,  wird  eine  Einwendung  dagegen  nicht  zu  machen  sein.  In
gemischten  Garnisonen  finden  ja  öfters  unbeanstandet  gemischte  Uebungen
statt.  Der  deutsche  Kaiser  stand  ja  seinerseits  auch  an  einem  der  Manövertage
  unter  dem  Oberbefehle  des  Prinzen  Leopold.“

Am  folgenden  Tage  erklärt  der  Kriegsminister  auf  eine  Anfrage  des
Abg.  v.  Vollmar  (Soz.),  „daß  alles,  was  vor  und  während  der  Manöver