Die private Finanzwirtschaft. 237
„In meinem Runderlaß vom 22. August d. J. habe ich auf die Gefahren bingewilesen,
die unserem Wirtschafteleben aus der Entziehung oder Beschränkung des vor dem Kriegeausbruch
anstandslos gewährten Kredits erwachsen könnten. Die Unterstützung dieser Mahnung
durch die Handelsvertretungen hat dazu beigetragen, daß auf dem Gebiet des
Kreditwesene nach Überwindung mancher unter den ersten Kriegeeindrücken erklärlichen
Ausschreitungen Verhältnisse eingetreten sind, die den ungehemmten Fortgang unsercs
Wirtschaftslebene gestatten. Bei der durch die Kriegslage gerechtfertigten ruhigeren Auffassung
der Dinge muß auf der anderen Seite von den Schuldnern erwartet werden, daß
sie ihren Verpflichtungen, soweit es irgend in ihren Kräften steht, pünktlich nachkommen.
Für die ungefährdete Weiterfübrung unseres Wirtschaftslebene ist dies nicht weniger
erforderlich als eine sich an das Maß des bisber üblichen anschließende, unter Umständen
auch darüber binausgebende Kreditgewährung. Mit Recht hat ce der Präsident des
Heutschen Handelstages in seinem Rundschreiben vom 11. August d. J. als Ebrensache
für jeden Schuldner bezeichnet, seine Verpflichtungen auch während des Kriegee so vollständig
und so pünktlich wie nur irgend möglich zu erfüllen. Berschiedene an mich gelangte
Eingaben und mancherlel sonstige zu meiner Kenntnie gekommene Tatsachen lassen
erkennen, daß sich nicht alle Schuldner genügend darüber klar sind, daß sie durch Säummnis in
der Erfüllung ihrer Pflichten nicht nur einzelne Gläubiger, sondern durch die Hemmungen,
die auf diese Weise dem Mirtschafteleben entsteben, auch das Gemeinwohl schädigen.
In dem Bestreben, dem entgegenzutreten, rechne ich auf dieselbe fördernde Unterstützung
der Handelevertretungen, wie ich sie bei der Bekämpfung unberechtigter Kreditelnschränkung
gefunden habe. ZIch ersuche Sie, falle Klagen an Sie gelangen, daß zahlungefähige Schuldner
ohne sachliche Rechtfertigung ihren Pflichten nicht nachkommen, diesen Klagen nachzugehen
und in geeigneter Weise dahin zu wirken, daß die Schuldner ihren Verpflichtungen
gerecht werden.“
Anderseits hatten die verschiedensten öffentlichen Körperschaften,
wie Handelskammern, sich wiederholt zur Stellungnahme gegen willkürliche
Kreditentziehung veranlaßt gesehen.
Mit der Wiederbelebung dee Verkehrs und des wirtschaftlichen
Vertrauens gelang es nach und nach, die schwereren Mißstände im privaten
Kreditwesen zu beseitigen und die Segnungen der wohlvorbereiteten
finanziellen Mobilmachung dem Privatwirtschaftsleben in vollem Umfange
zugänglich zu machen.
Der deutsche Geldmarkt nahm während des Krieges eine in Anbetracht
seiner völligen Isolierung erstaunlich günstige Entwicklung.
Für ihn war es außerordentlich vorteilhaft, daß die deutsche Volkswirtschaft
nicht im Zeichen größter Anspannung durch eine Hochkonjunktur
stand, sondern eine nicht mehr übermäßig angespannte Volkewirtschaft
mit verhältniemäßig leichtem Geldstande in den Krieg eintrat. Die wirtschaftliche
Unklarheit der ersten Mobilmachungswochen zeugte allerdings
begreiflicherweise ein starkes Hinaufschnellen der Zinesätze, bald aber
kehrte die Flüssigkeit des Geldes wieder. Die großen Berliner Banken,
die für täglich abbebbares Depositengeld in den Tagen bis zum
I. August 1914 1 ½/% bezahlt hatten, boten bis zum 14. August 4½,
konnten aber von da bis zum 2. Dezember auf 3 , sodann bis 51. De-