Elektrischer Betrieb der Eisenbahnen. 301
daß Knappwerden des „schwarzen Diamanten“ sie nicht um ihren Platz in der Weltwirtschaft
bringe. Durchführung des elektrischen Eisenbahnbetriebs denkt man sich ja doch natürlich
verbunden mit weitestgebender Nutzung der Wasserkräfte des Landee und Schonung
der immer wertvoller werdenden Kohlenbestände.
Endlich würde der elektrische Betrieb eine häufigere Folge kürzerer Züge, wohl auch
eine zweckmäßigere Nutzung der Bedienungemannschaft und eine neuzeitlichen Bedürfnissen
entsprechende, immer weiter gehende Trennung zwischen Orteverkehr, Nahverkehr,
Fernverkehr und Durchgangsverkehr über ganz große Strecken gestatten.
Das aber ist gleichwohl gewiß: so bestechend alle diese Vorteile wirken, so sehr sie
auf der Hand liegen, und so wünschenswert es erscheinen muß, sie dereinst nutzen zu können,
dürfen für heute und morgen unter keinen Umständen die anderen Momente übersehen
werden, die vor jedem übereilten Schritt auf diesem Wege warnen. Kein Dolkewlrt, kein
Staatsmann kann den Kostenpunkt außer acht lassen, kann leichtherzig all das unendlich
wertvolle Gut zum alten Eisen werfen, das in unserem heute so hoch entwickelten rollenden
Material, in unserem riesenhaften Park leistungefähigster Dampflokomotiven investiert
ist. Dann aber und vor allen Dingen spricht das entscheidende Wort eben die Rücksicht
auf den Krieg
Die elektrische Kraft wurde wohlbedacht nur in beschränktem Umfange dem Orteund
Nahverkehr dienstbar gemacht, und ihrer allgemeinen Einführung im Eisenbahnbetriebe
widerstrebt aus Gründen der Reichesicherheit, die unter keinen Umständen unberücksichtigt
bleiben dürfen, der Generalstab heute wohl kaum weniger als ehedem. Wäre er überzeugtermaßen
für die elektrische Zugführung gewonnen — kein Widerstreben der Interessenten
des Lokomotiobaues und keine fiskalische Zaghaftigkeit könnten auf die Dauer
die weitere Entwicklung in diesem Sinne hemmen!
Die ganze Frage spitzt sich also im wesentlichen dahin zu, ob es in späterer Zeit möglich
sein wird, zu allen Annehmlichkeiten und Vorteilen des elekteischen Eisenbahnbetriebeo
die Beseitigung des sie alle vorläufig aufwiegenden drohenden Nachteiles zu gesellen,
daß in den Tagen der Mobilmachung die elektrisch betriebenen Züge zu verhängnisvollem
Stocken gebracht werden könnten.
In der Hauptsache denkt man ja wohl an die Mäöglichkeit einer Zerstörung der
großen Kraftzentralen, die ganz besonders aktuell geworden ist in unserem neuen
Zeitalter der Luftschiffahrt. Man argumentiert, daß eine große Kraftstation im Handumdreben
zerstört werden könne, indessen Hunderte und Tausende von Lokomotiven nicht
entfernt dieser Gefahr ausgesetzt sind. Immerhin, die Sprengung einer Rhein- oder
Weichselbrücke würde dieselbe verhängnievolle Wirkung haben bei elektrischer Zugführung
wle beim Fortbestand der Dampflokomotioe! Aber beim elektrischen Betriebe könnten,
auch wenn Attacken auf die großen Kraftstationen mißlingen, unüberwachbare Agenten
des Auslandes an den verschiedensten Stellen die Leitungedrähte zerschneiden und dadurch
zum mindesten für Stunden Hemmmisse eintreten lassen, die wohlgeeignet sind,
den sorgsam aufgestellten, auf die Minute berechneten Plan der Mobilmachung über den
Haufen zu werfen.
Gibt es Möglichkeiten, diesen Gefahren so wirksam zu begegnen, daß unter verständiger
Berücksichtigung der fiskalischen Erwägungen und der im vorhandenen Lokomotlopark
steckenden Werte ein allmäahlicher Ubergang zur Durchführung des elektrischen Betriebee
statthaft erscheinen würde? Hie Besahung dieser Frage durch den Großen Generalstab
wäre meines Erachtens entscheidend für die Zukunft unseree Eisenbahnwesene. Bielleicht
kommen wir ihr näher — und die Fachmänner auf das sorgsame Studium dieses
Probleme binzulenken, ist der Zweck dieser Zeilen — wenn wir unser Auge nicht immer
einseitig gerichtet halten auf die großen Zentralkraftstationen, sondern auf ein außerordent-