Full text : Der Gebietserwerb durch völkerrechtliche Okkupation.

Ausführlich  auf  die  Verhandlungen  von  1901  einzugehen,
gehört  nicht  zu  meiner  Aufgabe.  Für  den  Zusammenhang,  in  dem
ich  die  Zeit  der  Bündnisangebote  herangezogen  habe,  genügt  es,
darzulegen,  daß  sie  ernst  gemeint  waren,  und  daß  darum  um  so
weniger  die  „unheilvolle“  Krüger-Depesche  für  die  Wendung  der
englischen  Politik  gegen  Deutschland  verantwortlich  gemacht  werden
  darf.  Die  starken  Verluste  im  Burenkriege,  der  allgemeine
Unwille  der  nichtenglischen  Welt  gegen  die  Vergewaltigung  einer
kleinen  Nation,  die  verschärften  Reibungen  mit  Rußland  in  Nordchina
  und  mit  Frankreich  in  Dünnan  und  Afrika  lagen  den  Leitern
der  englischen  Politik  schwer  auf  den  Nerven.  Lord  Salisbury,
trotz  seines  hohen  Alters  und  seiner  langsamen  Bedächtigkeit  noch
immer  der  maßgebende  Mann  im  englischen  Kabinett,  überwand
seine  frühere  Hinneigung  zu  Frankreich  und  erklärte  sich  ausdrücklich
  mit  einem  Defensiobündnis,  das  Deutschland  nicht  aggressiv
  gegen  Rußland  zu  verpflichten  brauchte,  einverstanden,  war  auch
bereit,  Lansdowne  einen  offiziellen  Vorschlag  an  die  deutsche  Regierung
  richten  zu  lassen.  Einer  der  Gründe,  daß  es  nicht  hierzu
kam,  lag  in  den  Schwierigkeiten,  die  mit  der  von  deutscher  Seite
gewünschten  Ausdehnung  des  Bündnisses  auf  Osterreich-Ungarn
und  Italien  verbunden  waren.  Lord  Salisbury  hatte  alte  Bedenken
  dagegen,  Verpflichtungen  für  Staaten  mit  slawischen  Volksteilen
  und  lateinischen  Ansprüchen  einzugehen.

Daß  im  Hintergrunde  der  Gedanke  schlummerte,  die  guten
deutsch-russischen  Beziehungen  zu  trüben,  ist  möglich  und  wahrscheinlich.
  Aber  es  war  ein  falsches  Ariom  des  Herrn  v.  Holstein,
  für  das  er  seinen  ganzen  Einfluß  einsetzte,  daß  in  diesem

 

zur  Zeitgeschichte“  enthalten,  der  am  8.  Februar  1909  im  Berliner  Tageblatt
erschien.  Einzelne  Angaben  des  Artikels  waren  ungenau.  Die  erste  Anregung
Chamberlains  erging  nicht  kurz  vor  dem  Burenkriege,  sondern  schon  im
März  1898.  Das  auf  Bertreiben  des  Grafen  Waldersee  gestellte  Verlangen
der  deutschen  Regierung,  zur  Deckung  der  Kriegskosten  und  zur  Beschleunigung
des  Rückzugs  der  fremden  Truppen  aus  China  die  chinesischen  Seezölle  zu
erhöhen  (Frühjahr  1901),  verursachte  nur  eine  Stockung  in  den  Bündnisbesprechungen,
  nicht  aber  ihren  Abbruch.

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