Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Vierzehnter Jahrgang. 1873. (14)

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Mebersicht  der  Greignisse  des  Jahres  1873.

über  dem  stetigen  Vorschreiten  römischen  Einflusses  und  römischer  Macht
verloren  und  selbst,  wie  kaum  wird  geläugnet  werden  können,  eine
Reihe  von  Mißgriffen  gemacht  hat,  die  es  immerhin  hätte  vermeiden
können,  so  lag  das  wenigstens  mit  auch  in  der  unsichern  Lage  einer
mehr  geduldeten  als  anerkannten  Großmacht  und  seiner  nothgedrungen
halben  und  vielfach  zweideutigen,  allerdings  oft  auch  zwiespältigen
Lage  innerhalb  des  deutschen  Bundes,  die  es  nach  allen  Seiten  zu
laviren  zwang,  bis  der  Moment  gekommen  und  der  Mann  gefunden
war,  um  die  allmälig  reif  gewordene  deutsche  Frage  endlich  zur  Entscheidung
  zu  bringen,  1866  nach  innen,  1870  nach  außen.  Vorher
hätte  Preußen  den  Kampf  mit  Rom  kaum  aufnehmen  oder  doch  unter  viel
ungünstigeren  Verhältnissen,  mit  viel  größeren  Schwierigkeiten  führen
müssen.  Steht  auch  das  Reich  in  demselben  vorerst  mehr  oder  weniger
abseits  und  ist  es  auch  bis  jetzt  nur  durch  vereinzelte  Maßregeln  an
demselben  betheiligt,  so  ist  doch  schon  viel  dadurch  gewonnen,  daß  es
Preußen  keinerlei  Schwierigkeiten  bereitet,  dasselbe  vielmehr,  so  weit
es  dazu  berufen  war,  bereitwillig  unterstützt  hat  und  daß  eine  mächtige
  Vertretung  der  Nation  in  dem  Reichstage  dasteht,  über  dessen
Sympathie  mit  Preußen  in  diesem  Kampfe  kein  Zweifel  sein  kann
und  dessen  große  Majorität  bereit  ist,  auch  in  dieser  Frage  und
gerade  in  dieser  noch  mehr  als  in  irgend  welcher  andern  für
Preußen  einzutreten  und  ihm  im  Nothfalle  fest  zur  Seite  zu  stehen.
Wie  ganz  anders  wäre  dagegen  die  Lage  gewesen  vor  der  Errichtung
des  neuen  deutschen  Reichs.  Die  ganze  Kraft  der  in  ihren  mächtigsten
Interessen  angegriffenen  Hierarchie  hätte  sich  gegen  Preußen  auf  die
in  ihrer  Vereinzelung  machtlosen  süddeutschen  Staaten  geworfen,  sie
leicht  überwallt  und  dann  sie  mit  Hülfe  Oesterreichs  und  nöthigenfalls
auch  Frankreichs  als  Sturmbock  gegen  das  verhaßte  Preußen  zusammen
geballt,  um  es  von  dieser  Seite  her  zu  erdrücken  und  so  zugleich  an
der  Erfüllung  seiner  rein  politischen  Aufgabe  wo  möglich  für  alle
Zeiten  zu  hindern.  Jetzt  hat  dagegen  Preußen  nach  allen  Seiten  freie
Hand,  das  Reich  geht  mit,  so  weit  es  bisher  nothwendig  war,  und
wird  auch  weiter  mitgehen,  sofern  weiteres  nothwendig  werden  wird,
Oesterreich  ist  ein  wesentlich  anderes  geworden  und  ist  selber  bemüht,
den  spezifisch  katholischen  Character,  den  es  so  lange  gepflegt  hat,  abzustreifen,
  Frankreich  aber  ist  wenigstens  zur  Zeit  außer  Stande,  aus  dieser
Frage,  so  gerne  es  auch  möchte,  einen  Hebel  gegen  Preußen  zu  schmieden.