Full text : Friedens-Vertrag von Versailles.

Erste  Wirkungen  des  Patents.  653

spruch  erhebe,  und  einstimmig  pflichtete  ihnen  die  Kammer  bei.  Blittersdorff
selbst  widersprach  in  der  Sache  nicht,  obwohl  er  die  Kompetenz  des  Land—
tages  bestritt.  In  diplomatischen  Kreisen  nannte  er  den  welfischen  Staats—
streich  beim  rechten  Namen  und  sagte  voraus,  welch  ein  unheimliches  Miß—
trauen  nunmehr  in  der  Nation  überhandnehmen  würde.?)  Der  sächsische
und  der  bayrische  Landtag  schlossen  sich  dem  badischen  an.  Auch  in  Dresden
suchten  die  Minister  nur  mit  verlegenen  Worten  zu  beschwichtigen.  Einen
Verteidiger  fand  Ernst  August  nirgends,  und  er  verstärkte  nur  den  allgemeinen
  Unmut,  als  er  dem  sächsischen  Hofe  die  herrische  Erklärung
zusandte:  er  könne  „keiner  Regierung,  geschweige  denn  einer  Ständeversammlung
  gestatten“,  sich  in  hannöversche  Angelegenheiten  einzumischen.)
Besser  gelang  ihm,  die  Zudringlichkeit  des  Auslands  abzuweisen.  Die
englischen  Wahlen  standen  vor  der  Tür,  die  Whigs  beeilten  sich,  den  Gewaltstreich
  des  alten  Toryhäuptlings  auszubeuten,  mit  glänzendem  Erfolge,
wie  sich  bald  zeigte.  Palmerston  wollte  auch  nicht  zurückbleiben.  Er  wußte
schon,  daß  die  Pariser  Presse  bereits  von  einer  deutschen  Juli-Revolution
sprach  und  die  französische  Regierung  an  eine  gemeinsame  Kundgebung  der
liberalen  Westmächte  dachte.  Zunächst  fragte  er  bei  Ompteda  vertraulich
an,  wie  der  Rechtsboden  des  Staatsgrundgesetzes  eigentlich  beschaffen  sei.
Da  empfing  er  aus  Hannover  die  schroffe  Antwort:  man  verweigere  amtlich
alle  Auskunft  „über  einen  Gegenstand,  welche  jeder  nichtdeutschen  Regierung
fremd  sei“.  Mittlerweile  hatte  der  preußische  Gesandte  dem  Lord  Melbourne
das  Zwecklose  und  Ungehörige  dieser  Einmischung  ernstlich  vorgehalten.
Palmerston  erschrak  und  ließ  durch  seinen  Unterstaatssekretär  Fox  die
demütige  Versicherung  abgeben,  er  habe  Se.  Mazestät  nicht  beleidigen
wollen.*?)  Auch  die  französischen  Minister  ließen  den  Plan  fallen;  denn
der  Bürgerkönig  meinte,  ein  solcher  Schritt  würde  allen  Regierungen  Ungelegenheiten
  bereiten  und  nur  den  Radikalismus  ermutigen,  auch  scheine
die  Sache  doch  nur  auf  einen  elenden  Geldstreit  hinauszulaufen.  )
Gegen  die  beiden  deutschen  Großmächte  zeigte  sich  Ernst  August  sehr
verbindlich.  Er  wünschte  sich  ihren  Beistand  für  alle  Fälle  zu  sichern  und
sagte  zu  dem  preußischen  Gesandten  beim  ersten  Empfange:  „ich  werde  die
viele  Gnade,  welche  der  König  für  mich  gehabt  hat,  nie  vergessen,  und  es
wird  stets  mein  Stolz  sein,  mich  auch  künftig  zu  seiner  Armee  zu  zählen.“
Aber  irgendeinen  Einfluß  auf  den  Willen  des  alten  Eisenkopfes  konnte
niemand,  auch  der  Freund  nicht,  gewinnen.  Er  hatte  sich  vermessen,  aus

1

 

*)  Blittersdorff,  Weisung  an  Frankenberg,  5.  Sept.  1837.
**)  Schele  d.  J.,  im  Auftrag  des  Königs,  an  Münchhausen,  22.  Aug.  1837.
*““)  Palmerston  an  Ompteda,  17.  Juli;  Schele  d.  J.,  Weisung  an  Geh.  Rat
Lichtenberg  in  London,  25.  Juli;  Lichtenbergs  Bericht,  8.  Aug.;  Metternich  an  Maltzan,
6.  Aug.  1837.
+)  Hügels  Bericht  an  Metternich,  Paris  1.  Aug.;  Werthers  Weisungen  an  Maltzan,
3.  Aug.,  15.  Sept.  1837.