Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

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net  hatte:  dégager  Verdun«  —  das  verrammelte
Ausfalltor  des  Eckpfeilers  der  französischen  Ostfront
wieder  aufzustoßen,  so  ist  dieses  Ziel  nicht  erreicht
worden.  Am  rechten  Schulterpunkt  der  französischen
Angriffsfront  hatte  schon  vor  dem  Losbruch  der  neuen
französischen  Verdun-Offensive  ein  Unternehmen  der
Badener  den  rechten  Arm  des  Angreifers  gelähmt,
so  daß  die  neue  Verdunschlacht  dem  Angreifer  zwar
seinen  so  dringend  benötigten  Moralerfolg  gebracht
hat,  dann  aber  am  Heldenmut  der  Verteidiger  allmählich
  ermüdet  u.  zuletzt  erloschen  ist.  14—15  franz.
Divisionen  kehrten  zermürbt  in  ihre  Lager  zurück.

Der  englische  Bundesgenosse  hat  noch  einen  zweien
  Bruch  der  feierlichen  Zusage  (s.  oben)  erzwungen.
Er  bedurfte  dringend  neuer  Opfer  der  bis  zur  Unerträglichkeit
  angespannten  Volkskraft  seines  kontinentalen
  Waffenbruders.  Denn  die  Flandernschlacht  kam
nicht  vorwärts.  Allen  Anstürmen  zum  Trotz  behaupleten
  die  Deutschen  die  Sperre,  die  sie  vor  die  U-Boot-Basis
  gelegt  hatten,  und  wenn  es  noch  eines  Beweises
bedurft  hätte,  daß  die  neue  Verdunschlacht  ruhmlos
erloschen  sei  —  die  französische  Führung  hat  ihn  geliefert,
  indem  sie  schon  von  Mitte  September  ab  einen
Ansatzpunkt  für  einen  örtlichen  Vorstoß  einzurichten
trachtete.  Ihre  Wahl  fiel  auf  die  »Laffauxecke«,  jenen
scharf  ausspringenden  südwestlichen  Winkel,  der  von
uns  nach  der  Aisneschlacht  gehaltenen  neuen  Linie
am  Damenweg,  südlich  von  der  Ailettet.  Eshandelte
sich,  strategisch  angeschaut,  um  eine  Wiederaufnahme
eines  Hauptgedankens  der  Aisneschlacht,  allerdings  in
verkleinertem  Maßstab,  um  Eindrückung  des  äußersten
südwestlichen  Vorsprungs  unserer  Westhront  und,  entfernter,
  um  die  Rückeroberung  der  Stadt  Laon.

Auch  hier  ist  den  Franzosen  ein  Anfangserfolg  beschieden
  gewesen?,  der  jedoch  abermals  in  völligem
Mißverhältnis  steht  zu  der  verdichteten  Zusammenballung
  der  französischen  Angriffomittel  auf  einen
kärglich  schmalen  Frontabschnitt.  Noch  einmal  bahnte
sechstägiges  Trommelfeuer  den  französischen  Sturmtruppen
  einen  blutdurchtränkten  Einbruchspfad.  Noch
einmal  kam  der  Entschluß  der  deutschen  Führung,
auf  unhaltbar  gewordenen  Geländeteilen  keine  sinnlosen
  Menschenopfer  mehr  zu  bringen,  dem  französischen
  Bedürfnis  nach  Scheinerfolgen  entgegen,  inden
wir  einen  Teil  unserer  vorderen  Linien  auf  die  rückwärtsgelegenen
  Höhenkämme  verlegten.  Eine  strategische
  Auswirkung  ist  den  französischen  Waffen  auch
diesmal  versagt  geblieben.  Die  übliche  Beute  an  deutschen
  Gefangenen  und  eingebautem  Kriegsgerät,  so
schmerzlich  sie  uns  auch  sein  mußte,  ist  eine  dürftige
Entschädigung  für  neue  schwere  Blutsteuer  und  abermals
  zerschmetterte  Hoffnungen,  die  den  Franzosen
schließlich  als  einziges  Endergebnis  des  letzten  diesjährigen
  Ansturms  verblieben  ist.

Arras  19175.

Die  Front  der  Arrasschlacht  reicht  von  Loos  im
Norden  bis  Quéant  im  Süden  und  wird  durch  die
Scarpe,  die  bei  Blangy  unsere  Linie  in  östlicher  Richtung
  überschreilet,  in  nahezu  gleiche  Teile  zerlegt.
Die  Stadt  Arras,  welche  der  Schlacht  den  Namen
1r#  hat  für  die  Kampfhandlung  selbst  lediglich  die

edeutung  einer  Hauptstelle  für  die  Regulierung  des
feindlichen  Nachschubs  und  eines  Schlupfwinkels  für
englische  Arlillerie  und  Bereitschaften.  Die  infolge-1

  Vgl.  die  Karte,  S.  11.  —  :  Rückzug  der  Deutschen  hinter
die  Ailetie  am  2.  November.  —  3  Vgl.  die  Karte,  S.  84.

I.  Kriegsgeschichte

dessen  längst  zusammengeschossenen  Trümmer  der
Stadt  sind  von  der  Zivilbevölkerung  geräumt.

In  der  Ausführung  der  englischen  Durchbruchsabsicht
  lassen  sich  an  der  Arrasfront  drei  zeitlich  und
methodisch  umgrenzte  Abschnitte  unterscheiden:

1)  In  der  Woche  von  Ostermontag,  dem  9.  April,
bis  zum  13.  des  Monats,  der  große,  gleichmäßig  starke,
frontale  Anprall  auf  der  ganzen  Front,

2)  von  Mitte  bis  Ende  April  allgemeine  Angriffe
auf  der  ganzen  Front,  unter  Verlegung  des  Hauptdruckes
  erst  auf  den  südlichen,  dann  auf  den  nördlichen
  Teil  unserer  Linie,

3)  Kämpfe  mit  dem  Schwergewicht  auf  einzelnen
Geländepunkten  in  den  Angriffen  des  Mai  und  Juni.

I.  Der  erste  Anprall.

1.

Der  erste  große  Durchbruchsversuch  am  Ostermontag
  (9.  April)  war  vorbereitet  durch  wochenlanges
planmäßiges  Wirkungsschießen  der  feindlichen  schweren
  Artillerie,  das  in  zusammengefaßten,  oft  krampfartigen
  Feuerüberfällen  die  einzelnen  Strecken  und
Punkte  unseres  Grabennetzes,  soweit  sie  ihrer  Erdbeobachtung
  zugänglich  waren,  allmählich  unsere  Gräben
  in  Trichterstellungen  verwandelte.  Der  durch  das
Wetter  motertief  aufgeweichte  Boden  ließ  eine  Wiederherstellung
  nicht  zu.  Wo  die  Unterstände  nachgegeben
hatten,  stand  die  Besatzung  schutzlos  in  Frost  und
Feuer.  Die  Beschießung  wuchs  von  Tag  zu  Tag  an
Stärke,  setzte  wie  zu  einer  letzten  Pause  der  Sammlung
  zwei  Tage  vor  dem  großen  Angriff  plötzlich  aus,
begann  am  Abend  des  8.  April  aufs  neue  mit  zermürbenden
  Feuerwellen  auf  unsere  Infanterie  und
Gasbeschuß  auf  unsere  Batterien  und  schwoll  am  9.
früh  nach  5  Uhr  mit  größter  Heftigkeit  zu  einem  gewaltigen
  Trommelfeuer  an.  Die  ganze  Linie  Souchez--Hénin
  sur  Cojeul  stand  für  zwanzig  Minuten  im
Wirbelsturm  aufspritzender  Erdfontänen.  Von  einer

eradezu  unerträglichen  Wucht  war  das  feindliche
Artilleriefeuer  bei  der  Straße  Neuville  St.  Vaast-Thelus,
  dem  Schauplatz  jahrelanger  Grabenkämpfe,
und  weiter  südlich  bei  der  Straße  St.  Laurent-Athies-Fampoux,
  wodie  Engländer  nach  eigener
Angabe  auf  eine  Breite  von  5  km  456  Feldgeschütze,
240  schwere  und  schwerste  Geschütze  und  268  Grabenmörser
  auf  unsere  Linie  wirken  ließen.

Es  bestand  sonach  kein  Zweifel,  daß  der  Gegner
sein  engeres  Ziel  darin  suchte,  an  diesen  beiden  Stellen
  frontal  Keile  in  unsere  Linie  zu  treiben,  die  sich
hernach  fächerartig  zerteilen  und  unser  Grabennetz
nach  Norden  und  Süden  aufrollen  sollten.  Der  Infanterieangriff
  fand  einen  wohlvorbereiteten  Boden.
Zwar  wurden  die  ersten  Angriffswellen  von  unseren
noch  kampffähigen  Maschinengewehren  und  dem
Sperrfeuer  unserer  Artillerie  größtenteils  aufgerieben;
  dem  nun  folgenden  Ansturm  englischer  Massen
konnte  jedoch  die  erste  und  zweite  Linie  unserer  vorderen
  Stellung  keinen  dauernden  Widerstand  leisten.

An  den  beiden  obenbezeichneten  Einbruchstellen  gelang
  es  den  Engländern,  ziemlich  tief  in  unsere  Stellung
  einzudringen,  so  daß  ihnen  die  Möglichkeit  tatsächlich
  eröffnet  war,  dort  die  noch  enerschlktert  gebliebenen
  Teile  unserer  Linie  von  Norden  nach  Süden
zu  umfassen.  Diese  Absicht  gelang  ihnen  im  Süden
nur  bis  zur  Linie  Westrand  Roeup-Bestrand  Henin
sur  Cojeul.  Im  Norden  verblieb  preußischen  Regimentern
  der  Ostteil  der  Vimy-Höhen,  während  westlich
  von  Givenchy  und  nördlich  davon  uns  nicht  ein-