Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Kriegsberichte

mal  die  vorderste  Linie  verlorenging.  Im  Raume
zwischen  den  Straßen  Arras  -Lens  und  Arras-Garrelle
  sahen  sich  Teile  einer  bayerischen  Reservedivision
  der  drohenden  Umfassung  aus  Thelus,  Farbus
  im  Norden  und  Fampoux  im  Süden  gleichzeitig
ausgesetzt.  Dank  dem  Eingreifen  beherzter  Unterführer
  gelang  es,  durch  glänzend  durchgeführten  Gegenstoß
  und  besonnener  Gruppierung  der  vorhandenen
  Kräfte  nach  Nordwesten  und  Westen  den  Flankenstoß
  abzuwehren.  Um  die  Wucht  des  englischen
Ansturmes  zu  ermessen,  genügt  der  Hinweis,  daß  die
Truppenmacht,  die  auf  etwa  100  —150  m  unserer
Linie  angesetzt  war,  in  der  Gegend  von  Roclincourt
auf  3—4  Bataillone  geschätzt  wurde.  Am  Nachmittage
  des  9.  April  fügten  Söbne  der  bayerischen  Hochebene
  aus  schnell  eingerichteten  Stellungen  mit  cinigen
Batterien  den  in  der  Gegend  von  Thelus  und  Farbus
eingenisteten  schottischen  Hochländern  derartige  Verluste
  bei,  daß  sie  an  eine  weitere  Ausdehnung  ihres
Gewinnes  an  diesem  Tage  nicht  mehr  denken  konnten.

Das  Ergebnis  desersten  Schlachttages  war
für  die  Engländer  die  Eroberung  eines  busenförmig
in  unsere  Front  vorgeschobenen  Gebietes,  begrenzt
durch  eine  Linie,  die,  auf  dem  Ostrande  der  Vimy-Höhe
  beginnend,  westlich  von  Vimy  vorbeilief,  das
Dorf  Farbus  einschloß,  sodann  südlich  von  Bailleul
bis  vor  Gavprelle  nach  Osten  abbog,  um  sodann  in
südlicher  Nichtung  am  Ostrand  Fampoux  und  Westrand
  Roeux  Anlehnung  zu  suchen  und  endlich  in
nach  Westen  stark  ausgebogenem  Laufe  nordwestlich
von  Héninel  in  unsere  alte  Stellung  wieder  einzumünden.
  Die  Dörfer  Thelus,  Farbus,  St.  Laurent,
Athies,  Fampoux,  Fenchy,  Tilloy  und  Neuville-Vitasse
  waren  für  uns  verloren.

2.

Am  Abend  des  9.  April  hatte  sich  die  Wucht  des
feindlichen  Angriffs  in  sich  selbst  verzehrt.  Die  Nacht
verlief  ruhig.  Auch  am  nächsten  Tage  fühlte  sich  der
Gegner  nicht  stark  genug,  die  Gewinne  des  ersten
Schlachttages  in  allgemeinem  Nachstoß  zu  vergrößern.
Er  vereinigte  vielmehr  seine  Kräfte  zu  einer  mit  allem
Nachdruck  geführten  Unternehmung  gegen  Monchy.
Dieser  hochgelegene  Ort  beherrschte  die  gegenüberliegenden
  Höhen  von  Fampoux  vollkommen.  Sollten
  diese  gehalten  werden,  so  mußte  Monchy  fallen
und  im  Anschluß  daran  Gucmappe,  Wancourt  und
Heninel.  In  den  Morgenstunden  des  Osterdienstags
rollte  der  Gegner  daher  zunächst  den  in  Linie  Fenchy-Fancourt
  verlaufenden  sogenannten  Monchy--Riegel,
eine  unserer  rückwärtigen  Stellungen,  teilweise  auf.
Nachdem  er  so  freies  Feld  gegen  die  ö  von  Monchy
gewonnen  hatte,  setzte  er  gegen  die  ganze  Front  von
der  Scarpe  bis  Héninel  starte  Angriffe  an,  die  durch
Reiterei  und  Tanks  verstärkt  wurden.  Die  Kämpfe,
die  mit  ungeheurer  Erbitterung  bis  in  die  Nacht  hinein
  dauerten  u.  dem  dicht  anlaufenden  Feinde  schwere
Verluste  kosteten,  endeten  damit,  daß  unsere  Stellung
  im  allgemeinen  voll  behauptet  wurde.  Unklarheit
herrschte  nur  südwestlich  von  MonchS-  u.  bei  Wancourt.

In  den  Morgenstunden  des  11.  April  loderten  die
feindlichen  Angriffe  südlich  von  der  Scarpe  sofort
wieder  auf.  Diesmal  gelang  es  den  Engländern,
Monchy  zu  nehmen  und  gegen  die  tagsüber  einsetzenden
  Gegenangriffe  zu  behaupten.  Dagegen  hatten
die  glechzeiug  fortgesetzten,  mit  15  Tanks  begleiteten
Stöße  der  feindlichen  Massen  auf  Wancourt  und
Heninel  auch  bis  zum  Abend  des  11.  April  keinen
Erfolg.  Der  Verlust  von  Monchy  machte  jedoch  die

:  Arras  1917  13
Zurücknahme  unserer  Linie  südwestlich  von  diesem
Ort  um  etwa  einen  Kilometer  notwendig,  wollte  man
den  Gegner  nicht  im  Rücken  haben.  Wir  gaben  daher
in  der  Nacht  vom  11.  auf  den  12.  April  Wancourt
auf,  behielten  aber  den  Westrand  von  Héninel  in  dem
Bereich  unseres  Widerstandes.

Der  hierdurch  zum  Ausdruck  kommende  endgültige
Verzicht  auf  Monchy  ging-auf  Erwägungen  zurück,
die  auch  nördlich  von  der  Scarpe  zu  einer  Verlegung
unserer  Linie  führen  sollten  und  inhaltlich  der  Gewinnung
  eines  neuen  Verteidigungsgerippes  den
Vorzug  verschafften  vor  Versuchen,  in  verlustreichen
Gegenangriffen  Gelände  zurückzugewinnen,  das  nun
einmal  verloren  war.

Nördlich  von  der  Scarpe  hatte  nämlich  der  Widerstand
  der  Preußen=  und  Bayernregimenter  am
9.  April  zwar  den  überlegenen  Feind  zum  Halten
gezwungen,  gleichzeitig  aber  eine  Linie  geschaffen,  die
ihm  im  weiteren  Verlaufe  der  Kämpfe  eine  starke
Flankenwirkung  auf  die  vorstehenden  Nasen  bei  Bailleul
  und  Givenchy  in  Richtung  Süd-Nord  unter
gleichzeitigem  Frontaldrucke  in  Richtung  West-Ost  erlaubt
  hätte.  Dem  zu  begegnen,  entschlossen  wir  uns
am  12.  April,  in  eine  neue  Linie  zurückzugehen,  die
in  einer  vor  mehr  als  Jahresfrist  vorbereiteten  Reservestellung
  erwünschte  Anlehnung  fand.  Ihr  Verlauf
  schließt  von  Norden  her  folgende  Geländeteile
ein:  Westrand  von  Lens,  Avion,  Mericourt,  Acheville,
  Arleux  en  Gohelle,  Oppy,  Ostrand  von  Garrelle
und  Roeux.  Sie  vereinigt  sich  westlich  von  Moulin  de
Pelves  mit  unserer  neuen  Linie  südlich  von  der  Scarpe.

Die  Zurücknahme  unserer  Front  gab  uns
die  Möglichkeit  der  Verteidigung  in  einer  selbstgewählten
  klaren  Linie,  beraubte  den  Gegner  der  unmittelbaren
  Einsicht  in  unsere  Stellungen  von  den
Farbus=  und  Vimyhöhen  herunter  und  setzte  ihn
außerstande,  sich  weiter  seiner  bisherigen  ausgebauten
  Artilleriestellungen  zu  bedienen.  r  mußte  seine
Batterien  teils  bis  fast  auf  die  Höhen,  teils  bis  über
die  Höhen  herunter  ins  Tal  vorziehen  und  kam  dadurch
  zum  Teil  mit  seinen  Batterien  wie  mit  seiner
Infanteriestellung  in  den  Wirkungsbereich  unserer
Beobachtung.  Endlich  gewannen  wir  dadurch,  daß
wir  ihn  zu  einem  neuen  Aufbau  seiner  Kampfmittel
zwangen,  Zeit,  uns  für  neue  Angriffe  vorzubereiten.
Wie  glücklich  diese  Maßnahme  war,  beweist  allein  der
Umstand,  daß  mit  ihrem  Vollzug  dem  Anfangserfolg
der  Engländer  ein  Ziel  gesetzt  war.  Sie  erreichten
von  da  ab  nichts  Nennenswertes  mehr.

Unsere  Verluste  waren  bis  zum  13.  April  entsprechend
  dem  Aufwand  an  Munition  und  Einsatz  an
Infanteriemassen  seitens  des  Gegners  hauptsächlich
an  Gefangenen  keineswegs  gering,  überstiegen  aber
durchaus  nicht  dasjenige  Maß,  mit  dem  bei  jedem
ersten  Durchbruchsversuche  unter  dem  heutigen  Aufwand
  an  Artilleriemunition  gerechnet  werden  musz.

II.  Die  großen  Angriffe  am  23.  und  28.  April.

1.

Die  Rückverlegung  unserer  Front  nördlich  von  der
Scarpe  blieb  Föchst  unbemerkt.  Während  jedoch
von  Bailleul  bis  westlich  von  Mericourt  die  beiderseitigen
  Patrouillen  entlang  unserer  neuen  Linie  sich
verhältnismäßig  rasch  ins  Gleichgewicht  setzten,  gelang
  es  uns  weiter  nördlich  in  der  Gegend  von  Loos,
Licvin  und  Lens,  in  langen  Vorfeldkämpfen  den
Gegner  aufzuhalten.  Erst  am  22.  April  ließen  sich
unsere  Vorposten  östlich  von  Loos  nach  starkem  feind-