122 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Sept. 2. Hlfte. —Oktober.)
würdigen Reaktionäre, diesen Royalismus des Herzens. Das ist nun freilich
das Schlimmste, was sie uns allen, die wir dieses persönliche Gefühl
absoluter Treue gegen den König von dem auf den Staat angewandten absolutistischen
Royalismus scheiden und ehrlicher Weise scheiden müssen, wollen
wir uns nicht in Konflikt zum Königlichen Schwur auf die Verfassung und
zu dieser Verfassung selber setzen, — das Schlimmste, was sie uns anthun
kann. Mehr als sein Gut und Leben für den König geben kann auch der
altpreußische Adelige nicht, er übertrifft in dieser persönlichen Hingabe keinen
konservativen und liberalen Bürgers= und Bauersmann. Daran zweifeln,
heißt an Preußen zweifeln. Aber in staatlicher und geistiger Hinsicht sehen
wir den König nicht für absolut an, dürfen und können es nicht. Thäten
wir auch dies, so brächten wir ihm unsere persönliche Würde zum Opfer,
wie die Russen ihrem Zaren, wie die Perser und Orientalen ihrem Schah
und Sultan, wie in anderer Hinsicht, die Papstbekenner dem Papst. Wir
bleiben Menschen. Denker und Staatsdiener unter dem Könige, nein, mit
dem Könige. Denn auch der König fügt sich der Staatsraison, d. h. den
Notwendigkeiten des sich entwickelnden Gesamtorganismus des Staates und
der Gesellschaft. Darin beruht die eigentliche, menschheitliche und bürgerliche
Größe der preußischen Könige. Die persönliche Liebe unserem Könige,
die persönliche Würde für uns selbst. Der ganze Kampf, der zum Konstitutionalismus
führte, ist ein Kampf des Gefühls der persönlichen Würde
dem Absolutismus gegenüber."“
In einem zweiten Aufsatz warnt die Hall. Zeitung vor der
materialistisch-absolutistischen Weltanschauung der Kreuzzeitung
und sagt:
„Die Kreuzzeitung kleidet ihren Materialismus nur in idealistische
Gewänder; es ist die trostlose Verleugnung und Mechanisierung der Menschennatur,
die hinter diesen wie immer zugeschnittenen und als idealistisch ausgegebenen
Gewändern sich, — wie wir übrigens wissen: unbewußt — birgt.
Der Materialismus der Kreuzzeitung und der ihr anhängenden Blätter
muß, im Unterschied vom rationalistisch-empirischen, der romantische Materialismus
genannt werden, mit der ganzen moralischen, geistigen und materiellen
Maskerade einer versunkenen und unaufhaltsam versinkenden Zeit.“
In ähnlichem Tone, wie die ersten Artikel der „Kreuzzeitung“,
sind die Fortsetzungen gehalten. Da schreibt am 2. Oktober der
„Reichsanzeiger“:
Se. Majestät der Kaiser und König hat von dem Inhalt der Kreuzzeitung
vom 26. v. M. Kenntnis genommen und die darin ausgesprochenen
politischen Auffassungen und Angriffe auf andere Fraktionen lebhaft gemißbilligt.
Se. Majestät gestatten keiner Partei, sich das Ansehen zu geben,
als besäße dieselbe das Kaiserliche Ohr. Der Kaiser sieht aber in der Verständigung
und gegenseitigen Schonung der staatserhaltenden Parteien unter
einander eine für unser parlamentarisches Leben sachlich nützliche Einrichtung
und hat die Allerhöchste Mißbilligung der dagegen von der Kreuzzeitung
gerichteten Angriffe und Insinuationen unzweideutig ausgesprochen. Seine
Majestät sieht in dem Kartell eine den Grundsätzen Seiner Regierung entsprechende
politische Gestaltung und vermag die Mittel, mit denen die Kreuzzeitung
dasselbe angreift, mit der Achtung vor der Allerhöchsten Person und
vor unseren verfassungsmäßigen Institutionen nicht in Einklang zu bringen."“
Die „Kreuzzeitung“ selbst bringt am 3. Oktober abends die
Meldung des Reichsanzeigers an der Spitze des Blattes unter der