Contents : Geschichte des Preußischen Staates

Verträge  von  Königsberg  und  Marienburg.  153

äußersten  Moment  gekommen  sah,  wo  er  mit  Schweden  sich  vereinigen  müsse.
Nicht  sowohl  der  Rat  Cromwells  und  der  Herzoge  von  Braunschweig,  auf  schwedischer
  Seite  das  evangelische  Interesse  zu  suchen,  als  vielmehr  die  unmittelbar
von  den  Schweden  drohende  Gefahr  bestimmte  den  Kurfürsten  zum  Abschluß  des
Königsberger  Vertrages  vom  16.  Januar  1656.  Einen  tiefen  Stachel  im  Herzen,
gestand  Friedrich  Wilhelm  in  diesem  den  Schweden  die  Oberlehnsherrlichkeit  über
Preußen,  die  Offnung  der  preußischen  Häfen  und  die  Hälfte  der  Seczölle  zu,
räumte  die  im  polnischen  Preußen  von  ihm  besetzten  Festen,  namentlich  die  Marienburg
  und  übernahm  die  Stellung  von  1500  Mann.  Dagegen  verpflichtete  sich
Schweden,  das  herzogliche  Preußen  zu  verlassen,  vereinigte  Ermland  mit  demselben
  und  gab  einige  von  der  Krone  Polen  bisher  behaupteten  Rechte  auf.  Es
verzichtete  auf  den  Tribut  und  auf  das  Recht,  außerordentliche  Steuern  aufzuerlegen.

Für  den  Augenblick  war  jedoch  vielleicht  weniger  die  Unterstellung  unter
schwedische  Oberhoheit  bedenklich,  als  vielmehr  von  Wichtigkeit,  daß  der  Kurfürst,
dessen  Heer  schon  mehr  als  20  000  Mann  zählte  und  von  so  hervorragenden
Führern  wie  Sparr  und  Derfflinger  befehligt  wurde,  sich  doch  den  Schweden  nur
mit  1500  Mann  verpflichtet  hatte.  Allerdings  glaubte  man  an  den  übrigen
europäischen  Höfen,  der  Kurfürst  sei  in  jene  Kombination  eingetreten,  die  Schweden
und  das,  damals  unter  Cromwell  zu  hohem  Glanz  emporgestiegene  England  zu
einem  energischen  Vorgehen  gegen  die  Katholiken  vereinen  und  unter  der  Agide
Frankreichs  das  Haus  OÖsterreich  stürzen  sollte.  Dem  gegenüber  drängten  nun  die
katholischen  Mächte  zum  Kampfe  gegen  die  Evangelischen,  man  hoffte,  daß  der
Kaiser  allein  60  000  Mann  gegen  Schweden  und  Brandenburg  ausstellen  werde,
und  auch  im  Westen  schien  der  jesuitische  Eifer  des  Pfalz-Neuburgers  alles  zu
gefährden.  Die  Polen  aber  erhoben  sich  mit  überraschender  Kraft  von  ihrer
Niederlage,  und,  von  nationalem  und  religiösem  Enthusiasmus  beseelt,  boten  sie
den  Schweden  so  entschieden  die  Stirn,  daß  diese  ihnen  kaum  noch  zu  widerstehen
vermochten.  Damit  änderte  sich  die  Situation  vollständig,  und  Karl  Gustav  war
jetzt  auf  das  brandenburgische  Heer  angewiesen.  Doch  die  rücksichtslos  unternommenen
  Einfälle  der  Polen  in  Hinterpommern  und  in  die  Neumark,  die  Wildheit
  und  Grausamkeit,  mit  der  sie  gegen  alle  Deutschen  verfuhren,  zwangen  nun
auch  umgekehrt  den  Kurfürsten,  von  seinen  stets  erneuten  Friedens-Versuchen  abzusehen
  und  sein  Land  gegen  die  Polen  zu  verteidigen.  Am  25.  Juni  1656
ward  daher  zwischen  Schweden  und  Brandenburg  zu  Marienburg  ein  neuer  Vertrag
  geschlossen,  der  gegen  die  Zusicherung  von  vier  polnischen  Palatinaten  und
weiterer  Lösung  der  oberlehensherrlichen  Eacsen  den  Schweden  die  Hilfe  von
4000  Brandeuburgern  für  die  Dauer  des  Krieges,  für  das  laufende  Jahr  sogar
die  der  gesamten  brandenburgischen  Macht  zu  Gebote  stellte.  Zugleich  aber  hatte
Friedrich  Wilhelm  in  dem  Wunsche,  den  König  von  Polen  zum  Frieden  zu  bestimmen,
  Karl  Gustav  das  Zugeständnis  abgerungen,  diesem  das  eigentliche  Polen
als  erbliche  Monarchie  anzubieten.  Indessen  Johann  Kasimir  lehnte  unter  dem  Eindruck
  eines  neuen  Sieges  auch  dieses  Friedensangebot  wie  alle  früheren  ab,  und
nun  vereinigten  sich  die  brandenburgischen  mit  den  schwedischen  Truppen.  Am
28.  Juli  kam  es  bei  Warschau  zur  Schlacht.  Drei  Tage  währte  sie,
schließlich  erlitten  die  Polen  die  vollständigste  Niederlage.  Die  „hohe  Konduite“
des  Kurfürsten  am  zweiten  Tage  bei  der  kleinen  Colline,  der  Sturmangriff  der
Brandenburger  unter  Sparr  am  dritten  Tage  brachte  den  Verbündeten  „die

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