Full text : Geschichte des Preußischen Staates

618  Kriegsgesahr.  —  Hossnungen.  —  Erste  Schritte.

Zusammenhang  mit  den  aufständischen  Parteien  in  Frankreich,  Italien,  der  Schweiz,
vornehmlich  der  Polen  ward  kaum  noch  geleugnet.  Es  durfte  keine  Frage  sein,
daß  diesem  hochverräterischen  Beginnen  mit  aller  Schärfe  des  Gesetzes  entgegengetreten
  werden  mußte.  Aber  neben  dieser  Partei  oder  vielmehr  ihr  gegenüber
stand  die  große  Zahl  der  gebildetsten  und  von  reiner  Vaterlandsliebe  beseelten
atrioten,  die  nun  auch  in  Preußen  eine  Vertretung  der  Nation  nach  ihrer
und  ebenso,  nur  vielleicht  mit  noch  größerer  Entschiedenheit,  eine  einheitliche,  feste
Reichsgewalt  erstrebten.  Beides  erwarteten  sie  mit  Sicherheit  von  dem  neuen
Herrscher,  dessen  lebhafter,  fein  gebildeter  Sinn,  dessen  warmes  Herz  der  Nation
die  Teilnahme  am  Staatswesen,  wie  die  Mitwirkung  an  einer  deutschen  Reichsgewalt
  gewähren  werde.  Gleich  anfänglich  gewann  er  durch  die  Hochhaltung  der
beusches  Ehre  die  Herzen  der  Nation,  als  Thiers  in  Frankreich  Minister  geworden,
den  Vertrag  der  drei  Ostmächte  mit  England  zum
Schutze  der  Türkei  gegen  den  Vizekönig  von  Aegypten
vom  15.  Juli  für  eine  Beleidigung  der  französischen
Nation  erklärte,  und  nun  in  dem  „verrückten  Frankreich"
  ein  Kriegslärm  entstand,  der  mit  tobenden
Worten  den  Rhein  verlangte.  Mit  Macht  erhob  sich
die  Stimme  der  ganzen  Nation,  freudig  war  man  zum
Kampfe  für  die  abermals  von  Paris  her  bedrohte
Grenze  bereit,  „sie  sollen  ihn  nicht  haben,  den  freien
deutschen  Rhein.“  Friedrich  Wilhelm  teilte  die  Meinung
der  Patrioten  vollständig,  und  um  den  Bund  mit
Oesterreich  recht  fest  zu  knüpfen,  erklärte  er  sich  sogar
zur  Ueberraschung  Metternichs  gewillt,  selbst  die  italie-Chr.
  J.  von  Bunsen.  nischen  Besitzungen  des  Erzhauses  zu  verteidigen,  und
Kmlerich  don  d  dt  3.  Mo.  ließ  durch  den  General  von  Grolmann  und  den  Obersten
asen  Ln  h  e  7  von  Radowitz  in  Wien  über  den  Feldzugsplan  schon  die
Auf  elwa  verkleinert.  näheren  Verabredungen  treffen.  Indessen  verschwand  die
Kriegsgefahr,  als  Guizot  an  Thiers  Stelle  trat  und  die
monarchischen  Formen  in  Frankreich  wieder  befestigte.  Mittlerweile  aber  hatte  der
König  auch  im  Innern  Schritte  gethaun,  welche  zu  den  kühnsten  Hoffnungen  ermutigten.
Die  Kommission  zur  Untersuchung  der  demagogischen  Unruhen  wurde  aufgehoben.  eine
allgemeine  Amnestie  für  politische  Verbrecher  erlassen,  E.  M.  Arndt  in  sein  Amt
eingesetzt,  Jahn  erhielt  die  Freiheit  des  Aufenthalts  wieder.  Boyen  ward  zurückgerufen,
  in  den  Staatsrat  wieder  eingeführt,  der  Presse  wurden  die  Bande  soweit
gelöst,  wie  dies  mit  den  Bundesgesetzen  irgend  vereinbar  war.  Und  wenn  die
Freilassung  der  beiden  unbotmäßigen  Erzbischöfe  von  Posen  und  Kölu,  die  Einsetzung
  einer  besonderen  katholischen  Abteilung  im  Kultusministerium  ernste  Bedenken
  erweckte,  so  erfüllte  sie  doch  die  Katholiken  mit  neuem  Vertrauen  zur  Regierung,
  und  die  Wiederanknüpfung  der  Verhandlungen  mit  Rom,  hauptsächlich
über  die  Frage  der  gemischten  Ehen  durch  Bunsen  ließ  zunächst  der  Vermutung
Raum,  daß  das  Staatskirchenrecht  in  eine  feste  Ordnung  gebracht  werden  könne.
Die  höchsten  Erwartungen  aber  erweckten  die  feierlichen  Ansprachen,  welche
der  König  bei  der  Huldigung  in  Königsberg  und  in  Berlin  hielt.  Ueber  die
schwungvollen  Worte  des  Königs,  welche  seine  brennende  Liebe  zum  deutschen  wie
zum  preußischen  Vaterlande,  sein  Vertrauen  zum  Volke,  seine  ehrliche,  bedingungs-