Full text : Europäischer Geschichtskalender. Dreizehnter Jahrgang. 1872. (13)

110  Das  deutsche  Reich  und  seine  einjelnen  ölieder.

Anf.  April.  (Preußen.)  Weitere  Ausweisung  fremdländischer  katholischer
Ordensmitglieder  und  Weltgeistlicher  aus  Posen.

Nachdem  bereits  durch  Nescript  des  Ministers  des  Innern  vom  21.  Febr.
l.  Is.  mit  Rücksicht  auf  die  damals  stattgefundene  Wahlagitation  die  Ausweisung
  ausländischer  Jesuiten  und  sonstiger  Ordensgeistlicher  veranlaßt  war,
wird  nunmehr  durch  die  beiden  Minister  des  Innern  und  der  geistl.  Angelegenheiten
  auf  Grund  einer  allerh.  Ordre  vom  13.  März  angeordnet,  daß  1)  denjenigen
  Mitgliedern  des  Jesuitenordens,  welche  weder  dem  preußischen,  noch  dem
Unterthanenverbande  eines  anderen  deutschen  Staates  angehören,  ingleichen  fremdländischen
  Mitgliedern  anderer  Orden  und  ausländischen  Weltpriestern,  vorläufig
mit  Ausschluß  der  Ordensschwestern,  die  Niederlassung  in  der  Provinz  Posen
nicht  mehr  gestattet  und  2)  mit  der  Ausweisung  der  sich  zur  Zeit  in  der
Provinz  aufhaltenden  derartigen  Ausländer  nach  und  nach  in  der  Weise  vorgegangen
  werden  soll,  daß  nach  Ablauf  von  zwei  Jahren  die  Provinz  von  den
betreffenden  Individuen  vollständig  geräumt  ist.

1.  April.  (Lippe.)  Der  bisherige  (preuß.)  Landesdirector  des  Fürstenthums
  Waldeck,  v.  Flottwell,  wird  dieser  Function  entbunden,  um
das  Cabinetsministerium  des  Fürsten  von  Lippe--Detmold  zu  übernehmen
  und  wo  möglich  die  eingetretenen  Differenzen  zwischen  dem
Fürsten  und  der  Bevölkerung  auszugleichen.

„  „  (Preußen.)  Der  Cufltusminister  Falk  weist  die  Oberbehörden
der  Provinzen  Westpreußen,  Posen  und  Schlesien  an,  die  erforderlichen
Einleitungen  für  die  Einberufung  von  Commissionen  behufs  außerordentlicher
  Schulrevisionen  zu  treffen,  um  in  die  Ursachen  der  Mißstände
  und  in  die  Mittel  zu  deren  Abhülfe  Einsicht  zu  erlangen.  Die
Fürsorge  für  den  deutschen  Sprachunterricht  in  Oberschlesien  bildet  die
Aufgabe  einer  sofort  einberufenen  besonderen  Conferenz.

4.  „  (Preußen.)  Die  Antwort  des  Bischofs  von  Ermeland  auf  den  Erlaß
des  Cultusministers  vom  11.  März,  der  ihm  am  28.  gl.  M.  hatte
in  Erinnerung  gebracht  werden  müssen,  lautet  ablehnend:

Das  Actenstück  ist  überaus  umfangreich.  Dasselbe  beginnt  mit  folgender
Erklärung:  „Ew.  Exz.  beehre  ich  mich  ganz  ergebenst  hierauf  Lauf  die  Aufforderung,
  den  Widerspruch,  in  welchem  die  bischöflichen  Censurdecrete  gegen
Wollmann  und  Michelis  durch  ihre  bürgerlichen  Wirkungen  mit  den  Landesgesetzen
  stehen,  zu  beseitigen  und  diese  Beseitigung  zur  Kenntniß  seiner  Diöcesanen
  zu  bringen]  zu  erwidern,  daß,  wenn  ein  solcher  Widerspruch  wirklich
bestände,  ich  nicht  im  Stande  sein  würde,  ihn  zu  lösen.  Denn  bei  der  Ausschließung
  der  beiden  Herren  Dr.  Wollmann  und  Dr.  Michelis  habe  ich  mich
strenge  an  die  Vorschriften  des  katholischen  Kirchenrechts  in  Betreff  hartnäckiger
Häretiker  gehalten.  Das  kanonische  Recht  ist  aber  in  seiner  kirchlichen
Giltigkeit  für  Katholiken  durch  Staatsverträge,  durch  die  Gesetzgebung  und
durch  die  Verfassungsurkunde  staatlich  anerkannt.  Glauben  die  gegenwärtigen
Staatsbehörden  nun,  daß  ein  Dissensus  zwischen  den  Vorschriften  des  Kirchenrechtes
  und  denen  des  Staates  vorhanden  sei,  so  wird  es  Sache  der  obersten
Staats-  und  obersten  Kirchenbehörde  sein,  eine  Beseitigung  des  Widerspruchs
herbeizuführen,  da  es  dem  einzelnen  Bischofe  ebensowenig  zusteht,  ein  allgemeines
  Kirchengesetz,  als  ein  zu  Recht  bestehendes  Staatsgesetz  außer  Kraft  zu
setzen,  er  aber  in  Glaubenssachen,  wie  sie  hier  vorliegen,  zunächst  darauf  angewiesen
  ist,  nach  den  kirchlichen  Normen  zu  handeln.“  Daß  der  Bischof
nicht  geneigt  ist,  von  seinen  Maßregeln  etwas  zurückzuziehen,  geht  schon  aus