Metadata : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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schwankende  Größe.  Die  Ansteckungsverdächtigen
sind  ebenfalls  abzusondern  —  natürlich  wiederum
streng  getrennt  von  den  Kranken  und  den  Krankheitsverdächtigen
  —,  und  zwar  so  lange,  bis  die  regelrechte
  Entwicklungsdauer  der  betreffenden  Infektionskrankheit
  nach  dem  Auftreten  des  letzten  Erkrankungsfalles
  verstrichen  ist  und  bis  man  auch  sonst  die
überzeugung  gewonnen  hat,  daß  sie  gesundheitlich
einwandfrei  sind.  Man  muß  im  Auge  behalten,  daß
der  Zweck  der  Absonderung  dieser  Leute  nur  der  ist,
die  Verbreitung  der  Krankheitserreger,  die  etwa  von
den  schon  Insizierten  ausgeschieden  werden,  zu  verhüten.
  Es  wäre  also  verkehrt,  z.  B.  bei  einer  Genickstarre=
  oder  Diphtherieepidemie  die  Ansteckungsverdächtigen,
  die  doch  keinerlei  Krankheitserscheinungen
zeigen,  streng  im  Zimmer  zu  halten.  Dadurch  würde,
namentlich  bei  enger  Belegung,  die  Ausbreitung  der
Seuche  nur  gefördert  werden,  wenn  sich  wirklich  Infizierte
  unter  jenen  Leuten  befinden.  Man  lasse  die
Ansteckungsverdächtigen  also  ruhig  an  die  freie  Luft,
wo  erfahrungsgemäß  die  Gefahr  einer  Verschleppung
der  Infektionserreger  viel  geringer  ist  als  in  engen
Stuben,  beschäftige  sie  in  zweckmäßiger  Weise,  lasse
sie  —  getrennt  von  den  unverdächtigen  Teilen  der
Truppe  —  Dienst  tun,  stelle  sie  aber  unter  besonders
sorgfältige  ärztliche  #pobachtung.  Durch  wiederholte
Belehrung  über  den  Grund  der  Absonderung  und  die
Notwendigkeit  der  sofortigen  Bekanntgabe  etwaiger
Krankheitserscheinungen,  durch  häusige  Gesundheitsbesichtigungen
  und  Temperaturmessungen  wird  man
Infizierte  bald  herausfinden  und  der  Seuchenstation
überweisen  können.  Planmäßige  bakteriologische  Untersuchungen
  sind  bei  der  Kontrolle  der  Ansteckungsverdächtigen
  von  besonderem  Wert,  um  schnell  ein
Urteil  über  den  schon  erreichten  Grad  der  Seuchenverbreitung
  zu  gewinnen.  Wir  wissen,  daß  bei  einer

anzen  Reihe  von  Infektionskrankheiten,  z.  B.  bei

yphus,  Rupr,  Genickstarre,  Diphtherie,  der  Anstecungsstoff
  sehr  oft  durch  gesunde  Keimträger  (Bazillenträger,
  Kokkenträger)  weitergetragen  wird,  d.  h.
durch  Personen,  welche  die  spezifischen  Seuchenerreger
aufgenommen  haben,  die  aber  infolge  besonderer
Widerstandskraft  nicht  erkranken.  Solche  Keimträger
  möflichst  frühzeitig  und  vollzählig  zu
ermitteln  und  sie  dann  durch  Absonderung  und
Behandlung  als  Quellen  für  weitere  Infektionen  auszuschalten,
  ist  eine  wichtige  und  erfolgreiche  Aufgabe
der  bakteriologischen  Untersuchungsstellen.

Was  hat  nun  mit  den  ermittelten  und  abgesonderten
  Kranken  und  Keimträgern  zu  geschehen?  Mitpeinlichster
  Gewissenhaftigkeit  muß  dafür  gesorgt  werden,
  daß  die  von  ihnen  ausgeschiedenen  Krankheitserreger
  sogleich  unschädlich  beseitigt
werden.  Bei  den  Kranken,  die  sich  in  Lazarettbehandlung
  befinden,  läßt  sich  das  unschwer  erreichen.  Alle
Entleerungen  des  Kranken,  seine  Wäsche  und  Kleidung,
die  mit  solchen  in  Berührung  gekommen  sein  kann,
und  etwa  bei  ihm  gebrauchte  Verbandstoffe  müssen
sogleich  desinfiziert  werden,  und  zwar  regelmäßig
und  nicht  nur  so  lange,  wie  der  Kranke  wirklich  krank
ist,  sondern  bis  er  in  bakteriologischem  Sinne  neneen
ist,  d.  h.  bis  mehrfache  bakteriologische  Untersuchungen
  zweifelsfrei  ergeben  haben,  daß  er  Krankheitserreger
  nicht  mehr  ausscheidet.  Wir  wissen,  daß  bei
vielen  Infektionskrankheiten  die  Erreger  noch  längere

eit  nach  Ablauf  der  Krankheitserscheinungen  im

örper  fortwuchern  können.  So  werden  z.  B.  bei
etwa  4—5  Prozent  aller  Typhusfälle  die  Typhus-III.

  Technik  und  Kriegführung

bazillen  noch  wochen=  oder  monatelang  in  den  Darmentleerungen
  oder  im  Harn  in  großen  Mengen  und  in
infektionstüchtigem  Zustande  von  den  Eencsenen  aus.
geschieden,  obwohl  diese  völlig  gesund  erscheinen  und
keinerlei  Beschwerden  mehr  haben.  Ebenso  findet  nach
dem  Ablauf  von  Diphtherie  oder  Genickstarre  häufig
noch  lange  Zeit  eine  Ausscheidung  der  Krankheitserreger
  mit  dem  Nasenrachensekret  statt.  Bei  manchen
anderen  Seuchen  liegen  die  Verhältnisse  ähnlich.  Man
würde  sofort  neue,  gefährliche  Infektionsquellen
schaffen,  wenn  man  solche  =  Dauerausscheidere  vorzeitig
  aus  der  Absonderung  entließe.  Der  fortlaufenden
  Desinfektione  am  Krankenbett,  von  der  bisher
die  Rede  war,  steht  die  Schlußdesinfektion  gegenüber,
  die  nach  der  bakteriologischen  Genesung
des  Kranken  oder  nach  seiner  Verlegung  oder  nach
seinem  Tode  vorzunehmen  ist  und  sich  auf  alle  von
ihm  benutzten  Geräte  und  Gebrauchsgegenstände  und
auf  das  ganze  Krankenzimmer  zu  erstrecken  hat.  Der
Umfang  der  Desinfektionsmaßnahmen  und  die  anzuwendenden
  Verfahren  sind  bei  den  einzelnen  Seuchen
  verschieden.  Sie  richten  sich  nicht  nur  nach  den
Wegen,  auf  denen  der  Ansteckungsstoff  den  Körper
verläßt,  sondern  besonders  auch  nach  der  Widerstandsfähigkeit,
  welche  die  betreffenden  Infektionserreger  den
Desmfektionsmitteln  gegenüber  aufweisen.  Der  Ruhrerreger
  z.  B.  findet  sich  nur  in  den  Darmentleerungen
und  wird  demgemäß  bei  der  nötigen  Vorsicht  im  Krankenzimmer
  nicht  weiter  verbreitet,  während  die  Erreger
  der  Tuberkulose,  der  Genickstarre,  der  Diphtherie
  usw.  mit  ftngsähigen  Sekrettröpfchen,  die  beim
Husten,  Niesen  und  Sprechen  entleert  werden,  auch
in  der  weiteren  Umgebung  des  Kranken  verstreut  werden.
  Der  Choleraerreger  und  der  Typhusbazillus
sind  durch  alle  Desinfektionsmittel  leichter  und  schneller
zu  vernichten  als  z.  B.  der  Diphtheriebazillus  und
der  Tuberkelbazillus.  Besonders  hohe  Anforderungen
sind  an  die  Desinfektionsverfahren  beim  Milzbrand
zu  stellen,  weil  der  Milzbrandbazillus  außerordentlich
widerstandsfähige  Dauerformen  bildet.

Sehr  viel  schwieriger  als  bei  den  in  Lazarettbehandlung
  befindlichen  Kranken  und  Genesenen  ist  natürlich
  bei  den  Dauerausscheidern  und  den  durch  die
bakteriologische  Untersuchung  ermittelten  gesunden
Keimträgern  die  Forderung  zu  erreichen,  daß  alle  auseschiedenen

  Krankheitserreger  durch  wirksame  Desinfektionsmaßnahmen
  vernichtet  werden.  Hier  bleibt
wegen  der  oft  recht  langen  Dauer  dieses  Zustandes
und  der  Unmöglichkeit  einer  dauernden  Absonderung
nichts  anderes  übrig,  als  die  betreffenden  Personen
über  die  Gefahren  eindringlich  und  wiederholt  ärztlich
zu  belehren,  die  sie  für  ihre  Umgebung  bilden,  ihnen
eingehende  Verhaltungsmaßregeln  zu  geben  und
deren  Durchführung  zu  überwachen.  Vor  allem
müssen  sie  aber  von  Beschäftigungen  ferngehalten
werden,  durch  die  sie  für  die  Allgemeinheit  zur  Infektionsqguelle
  werden.  Man  darf  z.  B.  Typhusbazillenträger
  nicht  in  Nahrungsmittelbetrieben  beschäftigen
  oder  Lehrer,  die  Diphtheriebazillen  ausscheiden,
  Unterricht  in  der  Schule  erteilen  lassen.  Man
muß  sich  darüber  klar  sein,  daß  trotz  alledem  Infeltionsstoff
  in  einem  gewissen  Umfange  von  solchen
Personen  ausgestreut  wird.  Noch  viel  wichtiger  und
unvermeidbarer  ist  aber  die  Verbreitung  von  Krank!
heitserregern  durch  unerkannt  gebliebene  Leichtkranke
und  Keimträger.  Bei  allen  Infektionskrankheiten
gibt  es  leichteste  Fälle,  die  typische  Erscheinungen  nicht
zur  Folge  haben  und  das  Allgemeinbefinden  des  In-