Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

Urlaub  nach  Moskau.  Karolyi.  „Kabinettskrieg“.,  Warnung  der  preußischen  Handelsflotte.  49

*38.  Schreiben  an  Minister  v.  Schleinitz.

[Eigenbändig.]
27.  Mai  1859.
E.  E.  bitte  ich  g.,  mir  gen.  gestatten  zu  wollen,  daß  ich  mich  in  der  Zeit  von  jetzt  bis
zum  10.  Juni,  sobald  der  augenblickliche  Stand  der  Geschäfte  es  thunlich  erscheinen  läßt,  auf
4  Tage  von  hier  entferne,  um  2  Tage  in  Moskau  zuzubringen.  Ich  habe  dort  jemand¹)  zu
besuchen,  mit  dem  mir  eine  Besprechung  nicht  nur  persönlich  wünschenswert,  sondern  auch
politisch  interessant  ist;  auch  würde  ich  dem  nervenaufregenden  Treiben  dieser  Stadt  gern
auf  einige  Tage  entrückt  sein.  Wenn  der  Geschäftsverkehr  dringlicher  wird,  als  in  den
letzten  Tagen,  so  versteht  sich,  daß  ich  auf  die  Excursion  verzichte,  die  ich  zur  Noth  auch
in  3  Tagen  abmachen  kann  und  am  liebsten  etwa  Sonnabend  den  4.  Juni,  nach  dem  nächsten
Abgange  des  Adlers,  unternehmen  würde.  In  der  Hoffnung,  daß  E.  E.  mich,  der  ich  seit
dem  Sommer  1857  keinen  Tag  Urlaub  gehabt  habe,  nicht  durch  eine  abschlägliche  Antwort
an  das  Steinpflaster  fesseln  werden,  verharre  ich ...

39.  Privatschreiben  an  Minister  v.  Schleinitz.

[Ausfertigung.]
30.  Mai  1859.

E.  E.  zeige  ich  mit  Rücksicht  auf  meinen  Wunsch,  Petersburg  für  4  Tage  verlassen
zu  dürfen,  g.  an,  daß  sich  der  Fürst  Gortschakow  am  1.  Juni  auf  14  Tage  nach  Zarskoe
Selo  begibt,  um  dort  eine  Kur  zu  gebrauchen,  und  uns  dabei  den  Wunsch  ausgedrückt  hat,
nur  in  besonders  dringenden  Fällen  geschäftlich  aufgesucht  zu  werden.  Meine  Entfernung
auf  einige  Tage  würde  unter  diesen  Umständen  noch  weniger  Nachteil  für  den  Dienst
haben.  Der  Fürst  ersucht  mich,  E.  E.  auf  den  Erlaß  aufmerksam  zu  machen,  den  er  Budberg
  über  die  letzte  Unterredung  mit  Karolyi  geschickt  hat  und  den  Budberg  auf  Verlangen
  zeigen  wird;  er  stimmt  mit  dem  Inhalt  meines  letzten  Immediatberichts¹).
Karolyis  Freunde,  besonders  Plessen,  der  ihm  persönlich  sehr  nahe  steht,  sagen,  daß
er  sehr  niedergeschlagen  und  sorgenvoll  abgereist  ist  und  die  Meinung,  daß  Österreich
nichts  von  Rußland  zu  besorgen  habe,  vollständig  aufgegeben  hat.  Gegen  den
französischen  Botschafter  fährt  der  Fürst  Gortschakow  fort,  die  Sprache  zu  führen,
welche  ich  in  meinem  Bericht  schilderte,  indem  er  empfiehlt,  dem  Kriege  jede  revolutionäre
  Färbung  zu  nehmen,  ihn  zu  einem  Kabinetts-Kriege  zu  machen  und  zunächst  den
Prinzen  Napoleon  aus  seiner  selbständigen  und  prätendierenden  Stellung  in  Toskana  abzurufen.
  Ich  bemühe  mich  nach  Kräften,  diese  Dispositionen  zu  fördern,  und  möchte  g.  anheimstellen,
  durch  Budberg  oder  mich  einen  Ausdruck  der  Anerkennung  in  diskreter  Form
darüber  an  den  Fürsten  gelangen  zu  lassen.

Großes  Aufsehen  hat  hier  in  den  diplomatischen  und  kaufmännischen  Kreisen  die
Nachricht  gemacht,  daß  den  preußischen  Schiffskapitänen  durch  das  Konsulat  Vorsicht
  in  betreff  weiter  Reisen  wegen  Kriegsgefahr  empfohlen  worden  sei.  Sir
John  Crampton  besuchte  mich  vorgestern,  um  mir  mitzuteilen,  daß  dieses  Gerücht
auf  der  Börse  eine  terreur  panique  verbreitet  habe,  indem  man  erzähle,  daß
unser  Konsul  von  der  Gesandtschaft  (by  his  minister)  amtlich  zu  dieser  Warnung

38.  1)  Fürst  und  Fürstin  Jussupow.  Vgl.  Brief  an  die  Gattin  vom  6.  Juni  1859.
39.  1)  Nr. 36.