Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  30.)  19

anerkannten  Grundsatz  von  der  Unantastbarkeit  des  Privateigentums.  Der
Ministerpräsident  hat  die  Vorlage  damit  begründet,  daß  er  Maßnahmen
für  die  Stärkung  des  Deutschtums  brauche.  Das  Deutschtum  kann  aber
nicht  besser  gestärkt  werden,  als  indem  es  Gerechtigkeit  gegen  alle  seine
Staatsbürger  übt.  Es  ist  auch  unlogisch,  wenn  der  Ministerpräsident  die
ungesunden  Zustände  auf  dem  Gütermarkt  im  Osten  beklagt,  denn  gerade
die  Ansiedlungskommission  der  Regierung  hat  durch  ihre  vor  20  Jahren
begonnene  Tätigkeit  erst  diese  Lage  im  Osten  geschaffen.  Die  Regierung
erntet,  was  sie  selbst  ausgestreut  hat,  sie  hat  selbst  den  Grundbesitz  im  Osten
mobilisiert  und  die  Spekulation  dort  hineingetragen.  Unlogisch  ist  es  auch,
wenn  die  Regierung  sich  über  die  Abreißungsgelüste  der  polnischen  Bevölkerung
  beklagt,  und  wenn  sie  selbst  durch  solche  Vorlagen,  durch  die
Tätigkeit  der  Ansiedlungskommission  daran  arbeitet,  das  Heimatsgefühl  der
polnischen  Bevölkerung  zu  vernichten.  Die  polnischen  Bürger  verlangen  nur
Gerechtigkeit  und  keine  Fürsorge,  denn  für  die  geistigen  Güter  werden  sie
selbst  sorgen.  Ich  erinnere  nochmals  daran,  was  die  preußischen  Könige
uns  Polen  versprochen  haben.  Es  war  mein  Großpvater  als  Statthalter  des
Großherzogtums  Posen,  der  bei  der  Huldigungsrede  sagte:  Ich  kann  meine
Rede  nicht  besser  schließen,  als  wenn  ich  aus  dem  Munde  des  Monarchen
dieselben  Worte  wiederhole,  durch  die  er  uns  unsere  jetzt  gefährdeten  Rechte
gewährleistet  hat.  Suchen  Sie  uns  Gerechtigkeit  zuteil  werden  zu  lassen!

Oberbürgermeister  Adickes  (Frankfurt  aM.):  Das  Gesetz  enthalte
Härten,  aber  es  sei  unvermeidlich.  Wissen  die  Polen,  die  Deutschen  sind
konsequent,  in  einem  Jahre  werden  10000,  in  10  Jahren  weitere  100000
Deutsche  angesiedelt,  dann  werden  die  Polen  vielleicht  Frieden  machen.
Nichts  ist  so  verkehrt  als  ein  Krieg  mit  unzulänglichen  Mitteln.  Man  hat
die  Beruhigung  des  Gütermarktes  auch  dadurch  zu  erreichen  gehofft,  indem
man  vorschlug,  die  Tätigkeit  der  Ansiedlungskommission  auf  einige  Jahre
auszusetzen.  Aber  dann  würde  sich  der  jetzt  ins  Leben  gerufene  frische
Zuzug  von  Kolonisten  vielleicht  nach  Kanada  usw.  abwenden,  und  er  käme
so  leicht  nicht  wieder.  Es  ist  genug  Grundbesitz  vorhanden,  daß  auch  trotz
der  Enteignung  keine  unnötigen  Härten  eintreten,  und  daß  jedes  Jahr
10000  Deutsche  angesiedelt  werden  können,  um  das  polnische  Land  dauernd
deutsch  zu  machen.

Oberbürgermeister  Körte-Königsberg:  Kann  man  wirklich  ernstlich
annehmen,  daß  man  durch  Enteignung  von  70000  Hektar  in  den  beiden
Provinzen  diese  Provinzen  dem  preußischen  Staate  wirklich  erhält,  wenn
diese  durch  die  polnische  Agitation  bedroht  sein  sollten?  Wir  beschreiten
einen  Weg,  auf  dem  wir  unbedingt  weitergehen  müssen.  Man  muß  sich
doch  auch  fragen,  ob  es  gerade  in  gegenwärtiger  Zeit  angebracht  ist,  aus
politischen  Gründen  Eigentum  zu  entziehen.  Die  Mehrheit  des  Abgeordnetenhauses
  kann  einmal  eine  andere  sein  und  von  einem  solchen  Recht
einen  viel  weitergehenden  Gebrauch  machen.  Die  Enteignung  soll  sich  ja
auch  gegen  den  deutschen  Großgrundbesitz  erstrecken,  um  die  Massierung
deutscher  Ansiedler  durchführen  zu  können.  Haben  wir  es  nicht  erlebt,
daß  man  Deutsche  mit  dem  Stigma  der  Unnationalität  umhergehen  sah,
weil  sie  durch  Verhältnisse  genötigt  waren,  ihren  Grundbesitz  zu  veräußern?
Gerade  wir  im  Herrenhause  haben  die  Verpflichtung,  da  nicht  zu  folgen,
wo  ein  Staatsbürger  durch  ein  solches  Gesetz  in  seinem  Innersten  auf  das
allerintensivste  gekränkt  werden  muß.  (Beifall.)

Graf  v.  Tiele-Winckler:  Ich  lebe  in  Oberschlesien  unter  Polen,
bin  sechs  Jahre  Landrat  gewesen  unter  zweisprachiger  Bevölkerung,  habe
zwanzig  Jahre  lang  der  Polenfrage  meine  Aufmerksamkeit  gewidmet  und
auch  die  Polenpolitik  der  Regierung  unterstützt  nach  meinen  Kräften.

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