Full text : Gesetzsammlung für das Königreich Sachsen vom Jahre 1822. (5)

Erste  Begegnung  mit  dem  Kaiserpaar  85

Dann  rückten  die  Engländer  unserer  Festung  immer  näher.
Hier  lag  eine  Menge  von  wertvollem  Heeresgut,  das  ihnen
in  die  Hände  fallen  mußte.  Niemand  tat  etwas,  um  es  zu
retten.  Da  griff  Frau  von  Glasenapp  mit  ihrer  gewohnten
Tatkraft  ein.  Sie  fernte  mich  am  Sonntagnachmittag  an:  „In
Cöln  steht  eine  große  Zahl  von  Kraftwagen  des  deutschen  Heeres,
und  in  Deutz  eine  Menge  wertvollsten  Heeresguts.  Da  die
Männer  nichts  tun,  müssen  wir  Frauen  handeln.  Ich  muß  ein
paar  hundert  junge  Mädchen  haben,  können  Sie  mir  helfen?“
Nach  einer  halben  Stunde  konnte  ich  ihr  melden,  daß  Generalkonsul
  Stollwerck  ihr  morgen  früh  300  Mäödchen  schicken
werde.  Sie  selbst  sammelte  dazu  aus  Bekanntenkreisen  noch
viele  andere,  auch  meine  Tochter,  und  zog  mit  ihnen  am
anderen  Morgen  aus.  Schön  war  es,  wie  die  braven  Frauen
die  riesigen  Kraftwagen  schoben,  und  dann  drüben  in  Deutz
in  langer  Kette  all  das  Heeresgut  von  Hand  zu  Hand  reichten
und  in  einem  mächtigen  Rheinkahn  verstauten,  in  dem  der
Inhalt  ganzer  Güterzüge  Platz  hatte.

„Prachtvoll,  prachtvoll!“  rief  der  Kaiser.  „Da  sieht  man
doch  einmal  wieder,  was  tapfere  Frauen,  die  das  Herz  auf
dem  rechten  Fleck  haben,  leisten  können!“

„JIa“,  lächelte  die  Kaiserin,  „merkwürdig  ist  es  nur,  daß
sich  die  Männer  immer  verwundern,  wenn  wir  Frauen  so
etwac  tun“.

„Nein,  Majestät“,  wandte  der  Flügeladjutant  höflich  ein,
„nicht  ver  wundern,  sondern  be  wundern“.

„Nein,  nein“  erwiderte  die  Kaiserin  belustigt,  „berwundern!“


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