200 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (November 11.—17.)
11./12. November. (Gamm i. W.) Bei einer Explosion schlagender
Wetter in der Zeche Radbod kommen 360 Bergleute um.
Das Unglück ruft große Erregung hervor. Zuerst wird vielfach der
Zechenverwaltung vorgeworfen, Vorsichtsmaßregeln vernachlässigt zu haben;
allmählich stellt sich heraus, daß keine Verschuldung sondern nur ein Unglück
vorliegt. Die sozialdemokratische Partei benutzt das Ereignis zu
heftiger Agitation. Handelsminister Delbrück besucht die Zeche. Der
Kaiser schickt den Prinzen Eitel Friedrich zur Information an die
Unglücksstelle; er wird vielfach von der Menge mit den Rufen: „Bergarbeiterschutz!
Reichsberggesetz! Arbeiterkontrolleure!“ empfangen. — Es
wird eine große Sammlung für die Hinterbliebenen veranstaltet.
13./14. November. Der Reichstag bespricht Interpellationen
des Zentrums und der Sozialdemokraten über die wirtschaftliche
Krisis und die Arbeitslosigkeit.
14. November. (Donaueschingen.) Der Chef des Militärkabinetts
Graf Hülsen-Haeseler erleidet einen Schlaganfall und stirbt
sofort, 56 Jahre alt. Es heißt, daß dieser Tod den Kaiser außerordentlich
erschüttert habe.
14. November. (Berlin.) Schluß der Konferenz zur Revision
der Berner Konvention. Ein neuer Vertrag über den Schutz
des geistigen Eigentums ist unterzeichnet.
17. November. (Sachsen.) Zweite Kammer. Debatte zur
Reichspolitik. .
Abg. Günther (frs.) fordert die sächsische Regierung auf, die Initiative
zu ergreifen, damit der Bundesrat Garantien fordere, die eine
Politik, wie sie bisher im Reiche geführt worden sei, nicht mehr möglich
machten. Staatsminister Graf Hohenthal: Es muß näher überlegt werden,
ob jetzt der geeignetste Moment ist, aktiv vorzugehen. In der Sitzung
des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten am vorigen Donnerstag
hat Fürst Bülow in vierstündigem freien Vortrage über alles eingehend
Mitteilung gemacht, was sich in den letzten Jahren in Bezug auf die auswärtigen
Angelegenheiten begeben hat. Diese Mitteilungen waren streng
vertraulich. Ich kann aber hervorheben, daß in der Aussprache, an der
sämtliche Mitglieder des Ausschusses teilnahmen, festgestellt wurde, daß
die Leitung der auswärtigen Politik in den allerbesten Händen ist (Allseitiges
Bravol), und daß der Reichskanzler, wenn er, wiewohl schweren
Herzens, sich entschlossen hat, in kritischer Stunde die Bürde seines Amtes
weiter zu tragen, dies aus reinem Patriotismus, Pflichtgefühl und Anhänglichkeit
an den Kaiser getan. Was geschehen ist, läßt sich nicht ungeschehen
machen; aber statt zu hadern, wollen wir lieber einen gesunden
Optimismus pflegen; ich glaube gewiß, daß auch für Deutschland wieder
bessere Tage kommen werden. Der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten
wird künftig öfter in regelmäßigen Zwischenräumen zusammentreten;
dann wird sein Zusammentritt auch nicht, wie es diesmal geschehen, als
Sensation angesehen werden. (Lebhafter Beifall.) — Abg. Opitz gibt
namens der Konservativen dem Wunsche Ausdruck, daß die jetzigen Ereignisse
nicht mit dem Rücktritt des Fürsten Bülow endeten, sondern dieser
bedeutende Staatsmann dem Reiche auch für die Zukunft erhalten bleibe.
Dem pflichten die Nationalliberalen und die Reformpartei bei.