Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierter Jahrgang. 1888. (29)

264  Die  Österreichisch-  Ungarische  Monarchie.  (Juli  Mitte  —  2.  Halfte.)

das  Präsidium  des  Ober-Landesgerichtes  werde  sämtlichen  k.  k.  Gerichten  Dalmatiens
  einschärfen,  nicht  bloß  in  dem  Verfahren  in  Streitsachen,  sondern
auch  in  jedem  andern  Verfahren,  also  auch  in  dem  Konkursverfahren,  Eingaben,
  die  nicht  in  einer  der  dalmatinischen  Landessprachen  geschrieben  sind,
zurückzuweisen.

Mitte  Juli.  (Österreich:  Serbo-kroatische  Wiedervereinigung.)
  Die  Wiedervereinigung  der  Serbenfraktion  mit  der
kroatischen  Partei  erfolgt  auf  nachstehender  Grundlage:

„Gemeinsamer  Kampf  gegen  das  italienische  Element  auf  allen  Gebieten,
  Verdrängung  der  deutschen  Sprache  als  interne  Amtssprache  der
Statthalterei  und  anderer  höherer  Behörden,  Beseitigung  der  deutschen  Militär-Volksschule
  in  Zara,  gegenseitige  Unterstützung  bei  den  bevorstehenden
Landtagswahlen,  Einräumung  eines  zweiten  Sitzes  im  Landesausschusse  an
die  Serben,  für  welchen  der  Redakteur  des  Srpski  List  (Srpski  Glas),  Bjelanovic,
  oder  der  Advokat  Dr.  Bakotic  in  Aussicht  genommen  werden.“

Mitte  Juli.  (General  v.  Kuhn)  bisher  kommandierender
General  des  III.  Armeekorps  (Steiermark),  erhält  in  etwas  auffallender
  Weise  den  Abschied.

Bei  einem  ihm  zu  Ehren  vom  Offizierskorps  veranstalteten  Abschiedsbankett
  in  Graz  hält  Kuhn  mehrere  Reden,  in  welchen  er  die  Fürsorge  des  Kaisers
für  die  Armee  rühmt.  Er  demonstriert  sodann  u.  a.  den  Wert  der  Offensive
im  Kriege,  weist  auf  seine  eigenen  Erfahrungen  in  Tirol  hin  und  bemerkt,  daß,
wenn  Österreich  bei  Königgrätz  offensiv  operiert  hätte,  der  Sieg  auf  seiner  Seite
gewesen  wäre.  Schließlich  erklärt  Kuhn,  daß  er  sich  zu  den  Wissenschaften
zurückziehe:  sie  verliehen  den  besten  Trost.  Auch  erklärt  er,  daß,  wenn  er
hie  und  da  ein  scharfes  Wort  gebraucht,  dies  nicht  so  gemeint  gewesen  sei.
Landwehr-General  Gauß  drückt  die  Hoffnung  aus,  daß,  wenn  einmal  der
Feind  am  Vaterlande  rütteln  sollte,  General  Kuhn  die  schwarzgelbe  Fahne
zum  Siege  führen  werde.  Nach  dem  Bankett  geleiten  die  Offiziere  den
General  Kuhn  unter  Hurrahrufen  im  Triumphzuge  in  seine  Wohnung.  Auch
die  Bevölkerung  beteiligt  sich  lebhaft  an  diesen  Ovationen.

Die  „Budapester  Korrespondenz“  bringt  alsbald  eine  aus  Graz  datierte,
„von  verläßlicher  Seite“  herrührende  Mitteilung.  Dieselbe  spricht  sich  über
die  dem  scheidenden  Kommandierenden  gebrachte  Ovation  abfällig  aus  und
bemerkt,  „daß  ein  Teil  der  Offiziere,  die  dem  Bankette  zwar  selbstverständlich
beiwohnten,  sich  von  der  eigentlichen  Demonstration  nicht  nur  völlig  fernhielt,
  sondern  dieselbe  vom  militärischen  und  disziplinarischen  Standpunkte
aus  ganz  entschieden  mißbilligte.“  (Vgl.  14.  August.)

18.  Juli.  (Österreich-Dalmatien:  Landesdienstsprache.)
  In  der  Sitzung  des  Landtages  erfolgt  die  Annahme
einer  Reihe  von  Anträgen,  darunter  jener,  bei  der  Regierung  die
Bitte  auf  Einführung  der  serbo-kroatischen  Sprache  als  internen
Dienstessprache  zu  erneuern,  die  Regierung  zu  bitten,  daß  die  Verordnung
  über  den  Gebrauch  der  Landessprachen  seitens  des  Handelsministeriums
  ehestens  erfließe.

2.  Hälfte  Juli—August.  (Österreich:  Die  Lehrertage
und  der  Liechtensteinsche  Antrag.)  Als  erster  wendet  sich  am
20.  Juli  der  deutsch-österreichische  Lehrertag  lebhaftest  gegen  den