Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierter Jahrgang. 1888. (29)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  10.—12.)  59

geben,  auch  die  Dauer  der  Einschränkung  öffentlicher  Unterhaltungen  für

sachgemäß  erachten  will.  Friedrich.
Über  das  Befinden  des  Kaisers  veröffentlicht  am  folgenden

Tage  der  „Reichs=  und  Staatsanzeiger“  dieses  ärztliche  Bulletin:

San  Remo,  10.  März,  9  Uhr  50  Minuten  vormittags.
Se.  Majestät  der  Kaiser  waren  durch  die  Trauerkunde  auf  das  Tiefste
erschüttert,  doch  blieb  das  Allgemeinbefinden  gut.  Während  des  ganzen  Tages
bis  zum  späten  Abend  haben  Se.  Majestät  angestrengt  gearbeitet;  der  Schlaf

war  gut  und  erquickend.
Mackenzie.  Schrader.  Hovell.  Bramann.

Der  Kaiser  reist  mit  der  Kaiserin  und  den  3  Prinzessinnen
am  10.  früh  von  San  Remo  ab,  wird  auf  dem  Bahnhofe  von  San
Pier  d'Arena  bei  Genua  vom  Könige  Humbert  von  Italien
und  dem  Ministerpräsidenten  Crispi  erwartet  und  trifft  am
11.  nachmittags  in  Leipzig  ein,  wohin  der  Reichskanzler  und  sämtliche
  Minister  ihm  entgegengefahren  sind.  Die  Begegnung  mit  dem
Kanzler,  den  der  Kaiser  wiederholt  umarmt  und  küßt,  ist  eine  überaus
herzliche.  Am  späten  Abend  erreicht  der  kaiserliche  Zug  Charlottenburg,
woselbst  der  Kronprinz  und  Prinz  Heinrich  die  Eltern  empfangen.
Der  Kaiser  nimmt  seine  Residenz  im  Charlottenburger  Schlosse.

Fast  gleichzeitig  mit  seinem  Eintreffen  daselbst  findet  in  Berlin
die  Überführung  der  Leiche  Kaiser  Wilhelms  zur  öffentlichen  Aufbahrung
  nach  dem  Dom  statt.

10.  März.  (Trauer  um  den  Kaiser.)  An  die  aus  der
ganzen  zivilisierten   Welt  immer  zahlreicher  eintreffenden  Trauerkundgebungen
  knüpft  die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  nachstehende  Auslassung:


„Vor  der  Leiche  des  kaiserlichen  Heldengreises  entblößen  sich  aller
Häupter,  legen  selbst  die  politischen  Feinde  der  nationalen  Wiedergeburt
Deutschlands  ihren  Antipathien  Schweigen  auf  als  Anerkenntnis  der  schlichten
Seelengröße,  der  unantastbaren  Charakter-Einheit,  der  herzgewinnenden  Persönlichkeit
  und  all  der  hohen  Tugenden,  die  den  Entschlafenen  zu  seinen  Lebzeiten
  schmückten.  Wie  ein  roter  Faden  aber  zieht  sich  durch  die  Sympathiebeweise
  des  Auslandes  die  Würdigung  des  verewigten  Herrschers  als  des
kraftvollen,  ehrlichen  und  ausdauernden  Schirmherrn  der  internationalen
Friedenssache,  verbunden  mit  der  zuversichtlichen  Hoffnung,  daß  auch  unter
dem  Zepter  des  Nachfolgers  auf  dem  Throne  die  deutsche  Staatskunst  aus

den  Bahnen  nicht  heraustreten  werde,  welche  Kaiser  Wilhelm  ihr  vorgezeichnet
und  vor  allen  Störungen  so  erfolgreich  zu  wahren  verstanden  hat.“

12.  März.  (Proklamation  und  Erlaß  Kaiser  Friedrichs
an  den  Reichskanzler.)  Der  „Reichsanzeiger“  veröffentlicht  gleichzeitig
  nachfolgende  Aktenstücke:

„An  mein  Volk!
Aus  seinem  glorreichen  Leben  schied  der  Kaiser.  In  dem  vielgeliebten
Vater,  den  Ich  beweine  und  um  den  mit  Mir  Mein  Königliches  Haus  in