Full text : Königlich-Baierisches Regierungsblatt. 1807. (2)

 

250  Ottocar  Weber

 

und  die  Grafschaft  Mitterburg  in  Istrien  haben  seit  vielen  Jahrhunderten
  zu  Österreich  gehört,  und  Trient,  das  erst  auf  ein  Fahrhundert  seiner
Verbindung  mit  Österreich  zurückschauen  kann,  war  immer  ein  selbständiges
  Bistum  gewesen.  Die  zweite  Frage  für  die  österreichische
Politik  war  also,  wie  sie  sich  mit  dem  neuen  Königreiche  Italien  und
dessen  Bestrebungen  abfinden  würde?

Ganz  anders  liegt  es  mit  dem  Oriente.  Von  Uranbeginn  war  Österreich
  als  Wache  aufgestellt  gewesen  gegen  die  Bölkerschaften,  die  von
Osten  her  anstürmten:  Avaren,  Madjaren,  Türken.  Es  galt  die  westliche
  Kultur  zu  hüten,  dieselbe  aber  zugleich  in  den  Orient  zu  tragen.
Österreich  ist  das  Verbindungsland  gewesen  zwischen  Westen  und  Osten:
die  Richtung  der  Donau,  des  großen  Stromes,  der  Österreich  durchfließt,
  drängte  es  auch  in  wirtschaftlicher  Beziehung  nach  dem  Orient.
Als  im  Jahre  1526  Ungarn  und  Siebenbürgen  mit  Österreich  vereinigt
wurden,  da  fand  diese  ostwärts  gerichtete  Politik  eine  neue  Grundlage.
Erwerbungen  im  18.  Jahrhundert,  wie  Galizien  und  die  Bukowina,
haben  dic  östlichen  Grenzen  der  Monarchie  abgernndet.  Die  dritte
Frage,  die  sich  der  österreichisch-ungarischen  Politik  aufdrängte,  war
dic,  ob  Osterreich,  dem  Laufe  der  Donau  folgend,  weitere  territoriale  Erwerbungen
  erwirken  oder  sich  nur  auf  die  wirtschaftliche  Eroberung  des
Orients  beschränken  solle?  Während  sich  Österreich-Ungarn  mit  Deutschland
  und  Italien  bald  klar  auseinandergesetzt  hat,  ist  sein  Verhältnis
  zu  der  Macht,  die  gleichfalls  im  Orient  schwerwiegende  Interessen
  zu  vertreten  hatte,  zu  Rußland,  stets  ein  schwankendes  geblieben.
Ebendeshalb  ist  dieses  Verhältnis  des  Donanstaates  zu  Rußland  in
den  letzten  60  bis  70  Jahren  von  allergrößter  Bedeutung  gewesen.

Seit  200  Jahren  strebt  der  moskowitische  Staat  dahin,  Konstantinopel
zu  gewinnen  und  den  Weg  ins  Mittelmeer  zu  finden.  Zu  diesem  Zwecke
war  es  notwendig,  die  Türkei  zu  zertrümmern  und  sie  in  ihre  vielen  Bestandteile,
  Slawen,  Griechen,  Rumänen  zu  zerlegen.  Mit  den  Slawen
auf  der  Balkanhalbinsel  hatte  auch  SÖsterreich-Ungarn  durch  seine
südslawischen  Untertanen  lebhafte  Beziehungen.  Bon  diesen  Südslawen
taten  sich  die  einen,  die  Kroaten,  von  jeher  durch  besondere  Anhänglichkeit
  an  Österreich,  durch  eine  gewisse  Abneigung  gegen  Ungarn  hervor.
Bewegt  von  diesen  Gefühlen,  waren  sic  es  gewesen,  die  Anfang  des
18.  Jahrhunderts  den  Anstoß  zur  „Pragmatischen  Sanktion“  gegeben
hatten.  Dieselbe  hat  die  Unteilbarkeit  der  österreichischen  Länder  und
die  Thronfolgeordnung  daselbst  festgestellt.  Die  Kroaten  hatten  Angst
gehabt,  sie  könnten  eines  Tages  von  Österreich  losgelöst  werden.  Ihre
südslawische  Schwesternation,  die  Serben,  die  durch  Religion  und  durch