Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1908. (35)

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15  Gramm  wurde  des  Haarwechsels  wegen  eingeführt.  Zu
den  bereits  erwähnten  Futtermitteln  trat  die  Ackerquecke
hinzu,  deren  Wurzeln  gewaschen,  getrocknet  und  gehäckselt
ein  brauchbares  Beifutter  ergaben.  Die  Hafervorräte  mußten
  wiederholt  gestreckt  werden:  die  Hartfutterration  durfte
nicht  mehr  wie  ein  Drittel  Hafer  enthalten.  Dafür  konnten
4  Kilogramm  frische  Kartoffeln  für  Pferd  und  Tag  verfüttert
  werden,  bis  auch  um  die  Mitte  des  Jahres  infolge
der  Knappheit  der  Vorräte  die  Verfütterung  von  Kartoffeln
eingestellt  werden  mußte.  Stroh  durfte  zum  Einstreuen
nicht  mehr  verwendet  werden.  Der  Gewinnung  von  Laubheu
  wurde  noch  mehr  Beachtung  wie  bisher  geschenkt;  alle
Truppengattungen  wurden  auf  die  Wichtigkeit  des  Einsammelno
  hingewiesen.  Für  100  Kilogramm  Laubheu  zahlten
die  Proviantämter  sechzehn  Mark.  Da  die  Kriegserfahrungen
gezeigt  hatten,  daß  die  verminderte  Leistungöfähigkeit  der
Pferde  auf  der  Kalkarmut  der  meisten  Ersatzfuttermittel
beruhte,  wurde  zur  Beigabe  von  lo  bis  13  Gramm  —
je  nach  der  Art  der  Pferde  —  kohlensaurem  Kalk  zur  täglichen
  Futterration  geschritten.

Im  Frühjahr  lols  wurde  die  Sammlung  von
Baumlaub  durch  das  Kriegsamt  in  Berlin  im  ganzen
Reiche  organisiert.  Die  Leitung  wurde  den  Gemeinden  und
unteren  Verwaltungsbehörden,  die  Ausführung  der  Schuljugend
  übertragen,  die  sich  mit  Hingabe  und  schönem  Erfolge
dieser  Tätigkeit  unter  der  Führung  der  Lehrerschaft  widmete.
Die  gewaltigen  Mengen  Baumlaub,  die  so  zusammengetragen
  waren,  wurden  von  den  Sammelsiellen  Fabriken  zugeführt,
  wo  sie  getrocknet,  gemahlen,  mit  Melasse  vermischt
und  zu  Laubfutterkuchen  gepreßt  wurden.  Ihre  Verwendung
war  den  Fronttruppen  vorbehalten,  bei  denen  sie  sich  der
leichten  Transportierbarkeit  wegen  großer  Beliebtheit  erfreuten.
  —

Einige  weniger  umfangreiche,  aber  deshalb  nicht  weniger
wichtige  Arbeitsgebiete  der  Abteilung  II  müssen  hier  noch
gestreift  werden.

Die  Beköstigungsgeldsätze  mußten  mehrfach  neu
geregelt  werden.

Die  JZahl  der  Selbstbeköstiger  mußte  auf  das  geringst
  mögliche  Maß  beschränkt  werden.

Die  friedensmäßige  Brotportion  von  750  Gramm
für  Mann  und  Tag  konnte  ohne  Not  im  Februar  1915  auf
5600  Gramm  herabhgesetzt  werden;  für  den  Rest  wurden
3  Pfennige  vergütet.  Im  April  la#s  fand  eine  erneute
Herabsetzung  auf  JOo  Gramm  und  *  Pfennig  Brotgeld
statt.  Zu  Ende  des  Jahres  1916,  als  die  allgemeine  Verpflegungslage
  sich  wesentlich  verschlechterte,  erschien  eine
Erhöhung  der  Brotportion  als  wünschenswert,  konnte  aber
nicht  durchgeführt  werden.  Es  wurde  versucht,  einen  Ausgleich
  durch  Verbesserung  der  Abendkost  zu  schaffen.  Nur  der
rechtzeitigen  Herabsetzung  der  Brotportion  auf  s0o  Gramm
ist  es  zu  verdanken,  daß  trotz  der  sich  ständig  verschlechternden
  Wirtschaftslage  dieser  Satz  bis  zum  Kriegsende  aufrecht
erhalten  werden  konnte.

Besondere  Bestimmungen  machte  die  Verpflegung
des  Begleitpersonals  von  Militärgutzügen  —  Verpflegungs-,
  Material-,  Munitiono=  und  Paketzügen  —
sowie  von  Pferdetransporten  nötig.

ilitärurlauber  waren  im  Heimatgebiete  bezüglich
der  Verpflegung  grundsätzlich  der  Zivilbevölkerung  gleichgestellt.


Auf  die  Verpflegung  der  auf  Arbeitskommando
befindlichen  Mannschaften,  der  Hilfodiensipflichtigen,
  der  im  Bereiche  der  Heeresverwaltung  tätigen  Frauen
usw.  kann  hier  nicht  näher  eingegangen  werden.

Nicht  minder  wichtig  wie  die  Aufgabe  der  Versorgung
  der  Truppen  mit  Lebensmitteln  war  die  der  Beschaffung
  von  Bekleidung  und  Ausrüstung.  Auch
diese  Aufgabe  fiel  der  Abteilung  II  zu.

Die  Vorkehrungen,  die  für  den  Fall  eines  Krieges  von
der  Heeresverwaltung  getroffen  worden  waren,  bestanden
in  der  Lagerung  von  ungeheuren  Mengen  von  Bekleidungsund
  Auerüstungsgegenständen  bei  den  Truppen  selbst  und
den  Bezirkokommandos,  sowie  in  dem  Abschluß  von  großzügigen
  Lieferungsverträgen.

Alle  diese  Maßnahmen  konnten  nicht  verhindern,  daß
schon  nach  den  ersten  Kriegojahren  sich  empfindlichster
Mangel  geltend  machte.  Niemand  darf  dieser  Umstand  als
Schuld  zugerechnet  werden.  Eine  derartige  Zahl  von  Neuformationen,
  wie  sie  der  Krieg  erforderte,  war  ebensowenig
vorauszusehen,  wie  seine  lange  Dauer.

Das  Bestreben  der  Beschaffungsstellen,  sich  möglichst
rasch  und  für  möglichst  lange  Zeit  mit  Stoffen  einzudecken,
führte  zunächst  zu  Uberbietungen  und  zu  Preistreibereien,
die  durch  den  Zwischenhandel  noch  verstärkt  wurden.  Die
Stoffbeschaffung  wurde  deshalb  in  die  Hand  von  Zentralbeschaffungsstellen
  gelegt,  Richt=  und  Höchstpreise  wurden
festgesetzt  und  als  letzte,  durchgreifende  Maßregel  wurde
zur  Beschlagnahme  geschritten.  Das  Bebleidungs-Beschaffungsamt
  in  Berlin  wurde  die  Zentralstelle  für  die  Beschaffung
  des  gesamten  Heeresbedarfo  mit  geringen  Ausnahmen,
  deren  Beschaffung  besonderen  Stellen  übertragen
wurde.  Den  Vorschriften  über  Höchstpreise  und  Beschlagnahme
  wurden  mit  der  Zeit  die  wichtigsten  Stoffe  der
Ausrüstungs=  und  Bekleidungoindusirie  unterworfen,  als
Tuche,  Leinen=  und  Baumwollstoffe,  Leder  und  Metalle.
Aber  nicht  genug  damit;  um  auch  die  bei  der  Verarbeitung
entstehenden  Abfälle  noch  nutzbar  zu  machen,  wurden  auch
diese  beschlagnahmt  und  gesammelt.

Ebenso,  wie  der  Mangel  an  gewissen  Stoffen  bei  der
Versorgung  mit  Lebenomitteln  zur  Aufschließung  und  ausgiebigen
  Verwendung  von  Ersatzstoffen  führte,
mußte  auch  hier  manches  selten  werdende  Material  durch
häufiger  vorkommendes  ersetzt  werden.  Was  im  allgemeinen
  ohne  Schaden  für  den  zu  erreichenden  Gewinn
geschehen  konnte.  Nur  einige  Beispiele  mögen  hier  Platz
finden.  So  verwandte  man  an  Stelle  der  wertvollen  Tuche
mit  Erfolg  Kunstwolle;  Leinenstoffe  wurden  möglichst  durch
Papiergewebe  ersetzt,  für  deren  Erzeugung  die  Einrichtung
einer  besonderen  Industrie  sich  notwendig  machte.  Leder
mußte  durch  Papierstoffe,  Kunstleder  und,  wo  angängig,
Holz  gestreckt  werden.  Edle  Metalle,  wie  Kupfer  und  Aluminium,
  wurden  nach  Möglichkeit  durch  weniger  wertvolle
ersetzt.

Ein  während  des  Krieges  in  Chemnitz  eingerichtetes
Bekleidungs-Instandsetzungsamt  besorgte  das
Waschen,  Entlausen  und  Reparieren  der  von  der  Front
zurückgekommenen  und  von  den  Heimattruppen  eingelieferten
  beschädigten  Kleidungsstücke.

Die  Nohstoffknappheit  hatte  nicht  nur  ein  Sinken  der
Menge  erzeugter  Fertigfabrikate  zur  Folge,  sondern  führte
auch  auf  vielen  Gebieten  Arbeitslosigkeit  herbei,  deren  Steuerung
  die  Kriegoministerien  sich  angelegen  sein  lassen  mußten.
Um  dem  bürgerlichen  Handwerk  Arbeit  zuzuführen,  wurde
die  Arbeitszeit  bei  den  Schuhmacher=  und  Schneiderbetrieben
der  Bekleidungsämter  eingeschränkt  und  die  Arbeitsmengen
begrenzt.  Außerdem  wurde  eine  Schneiderwerkstatt  bei  jedem
Kriego-Bekleidungsamt  aufgelöst.  Schuhfabriken  wurden
teils  stillgelegt,  teils  zusammengelegt,  um  die  Betriebskosten
  zu  verringern.  Der  Uberwachungsausschuß  der  Schuhindustrie
  verteilte  hier  die  Arbeit.  Auch  die  Heeresnäharbeiten
  wurden  nach  dem  Verhältnis  zwischen  Arbeiterzahl
und  Arbeitsmenge  im  ganzen  Reiche  gleichmäßig  verteilt.
Für  diesen  Zweck  wurde  eine  Ausgleichstelle  beim  preußischen
Kriegoministerium  eingerichtet.  Sachsen  hatte  dadurch  den
großen  Vorteil,  das  ihm  die  Arbeitsmengen  zugewiesen
werden  konnten,  die  ihm  bei  der  bisherigen  Wirtschaftsweise
entgangen  wären.