Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1911. (38)

Rußland.  (Aug.  22.—30.)  461

gelegenheiten  Tschitscherin    teilte  den  Ententemächten  durch  den  holländischen
Botschafter  mit,  daß  Bürger  der  Ententemächte,  und  zwar  sowohl  Diplomaten
und  Konsuln,  als  auch  in  Rußland  internierte  Bürger  die  Erlaubnis,  Rußland
  zu  verlassen,  nur  in  dem  Fall  bekommen  würden,  wenn  gleichzeitig
dem  russ.  Vertreter  in  England  Litwinow,  allen  russ.  Bürgern,  dem  russ.
Agenten  in  Kristiania  Beutler,  der  von  den  Engländern  auf  dem  Schiff
  festgenommen  wurde,  allen  in  Frankreich  gebliebenen  russ.  Soldaten  und
anderen  die  Möglichkeit  gegeben  wird,  in  die  Heimat  zurückzukehren.

22.  Aug.  Enteignung  des  städt.  Hausbesitzes.

Der  Hauptvollzugsausschuß  der  Sowjets  beschließt  den  Erlaß
eines  Dekrets,  welches  in  allen  Städten  den  Privatbesitz  auf  Grundstücke
beseitigt.  In  Städten  über  10  000  Einwohner  wird  das  Recht  des  Privatbesitzes
  auf  sämtliche  Bauten  abgeschafft,  deren  Ertrag  einschließlich  des
Grundstückertrages  über  die  von  den  Ortsbehörden  festgesetzten  Normen  hinausgeht.
  Die  Hypotheken  über  10 000  Rubel  werden  annulliert,  die  früheren  Eigentümer
  den  Mietern  gleichgestellt.  Das  Dekret  erstreckt  sich  nicht  auf  Industrieunternehmen.


26.  Aug.  (Petersburg.)  Der deutsche  Dampfer  „Annie  Stinnes“
trifft  ein.

Es  ist  das  erste  deutsche  Schiff,  das  seit  vier  Jahren  in  Rußland  die
deutsche  Flagge  zeigt.

27.  Aug.  Unterzeichnung  der  deutsch-russ.  Ergänzungsverträge
in  Berlin.

Näheres  s.  in  dem  besonderen  Abschnitt  am  Schluß  des  Kalendariums.

28.  Aug.  Vertagung  der  finn.-russ.  Verhandlungen  in  Berlin.
(Näheres  s.  Tl.  1  S.  265  f.)

28.  Aug.  (Dongebiet.)  Zusammentritt  der  Nationalversammlung
  des  Dongebietes  in  Nowotscherkaßk.

Es  sind  über  300  Abg.  eingetroffen.  Zum  Vorsitzenden  wird  fast  einstimmig
  das  frühere  Mitglied  der  Reichsduma  Charlanow  gewählt.

30.  Aug.  Attentat  auf  Lenin  und  Uritzki,  Ententeverschwörung.

Beim  Verlassen  einer  Arbeiterversammlung  der  Fabrik  von  Michelson
in  Moskau  wird  Lenin  durch  zwei  Schüsse  hinterrücks  getroffen  und  verwundet.
  Am  Vormittag  des  30.  wird  der  Volkskommissar  für  innere  Angelegenheiten
  der  nördlichen  Arbeiterkommune  Uritzki  in  Petersburg  ermordet.
Das  Attentat  auf  Lenin  hat  die  aus  Kiew  stammende  Terroristin  Dora Kaplan
verübt.  In  letzter  Zeit  hatte  sie  sich  den  Rechten  Soz.-Rev.  angeschlossen.  Sie
wird  am  4.  Sept.  erschossen.  Der  Mörder  Uritzkis  gibt  als  seinen  Namen
Leonid  Akimowitsch  Kannegießer  an.  Nach  seiner  Aussage  hat  er  den
Entschluß,  U.  zu  morden,  gefaßt,  als  in  der  Presse  Bekanntmachungen  über
Massenerschießungen  erschienen  seien,  die  von  U.  unterschrieben  waren.  Von
der  Räteregierung  werden  die  schärfsten  Gegenmaßnahmen  ergriffen.  Zahlreiche
  Verhaftungen  und  Hinrichtungen  finden  statt.  (Nach  einer  offiziellen
Bekanntmachung  v.  7.  Sept.  wurden  als  Repressalie  für  die  Ermordung  Uritzkis
512  Gegenrevolutionäre  erschossen.  Unter  den  Erschossenen  sollen  sich  die  früheren.
zarist.  Minister  Krasnostaw,  Maklakow,  Protopopow,  Schtscheglowitow  befunden
  haben.)  Am  1.  Sept.  gibt  der  stellvertretende  Chef  der  Außerordentlichen
Kommission  Peters  folgendes  bekannt:  Das  verbrecherische  Abenteuer  unserer
Feinde  nötigt  uns,  mit  dem  Massenterror  zu  antworten.  Wer  mit  der