Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

796  Meuisches  Reich.  (September  12.)

der  schwedischen  Presse  zugegangenen  und  auch  hier  veröffentlichten  Communique
  (s.  Schweden,  10.  Sept.)  mit  Recht  hervorgehoben  wird,  liegt  in
einem  solchen  Verhalten  keine  Neutralitätsverletzung,  zumal  Schweden,  wie
aus  dem  Commnnigque  erhellt,  ähnliche  Dienste  auch  den  Ver.  Staaten  für
den  Telegraphenverkehr  durch  Deutschland  nach  dem  Orient  geleistet  hat.

Wie  das  „Berl.  Tagebl.“  aus  dem  Haag  meldet,  wird  der  Wortlaut
  der  von  der  amerik.  Regierung  aufgefangenen  Chiffredepeschen  des
Grafen  v.  Luxburg  in  einer  Mitteilung  des  Washingtonex  Staatsdepanements,
  wie  folgt,  angegeben:

Mai  1917.  Nr.  32.  Die  Regierung  hat  jetzt  die  deutschen  und  österr.
Schiffe,  auf  die  bisher  eine  Wache  gestellt  war,  freigelassen.  Infolge  der
Beilegung  des  „Monte  Protegido-'Falles  ist  eine  große  Veränderung  in
der  öffentlichen  Meinung  eingetreten.  Die  Regierung  will  in  Zukunft  argent.
Schiffe  nur  bis  Las  Palmas  ausklarieren.  Ich  bitte,  den  kleinen  Dampfer
„Orankussa"  (2),  31.  Januar  (Washingtoner  Zusatz:  Der  Dampfer  ist  am  31.
Januar  ausgefahren),  300  Tonnen,  der  sich  nun  Bordeaux  nähert,  mit  der
Absicht,  seine  Flagge  zu  verändern,  entweder  zu  schonen  oder  spurtkos  verschwinden
  zu  lassen.  gez.  Luxburg.

3.  Juli  1917.  Nr.  95.  Ich  höre  mit  Sicherheit,  daß  der  gegenwärtige
Auslandsminister,  der  ein  notorischer  Esel  und  ein  Englandsfreund  ist,  in
einer  Geheimsitzung  des  Senates  sagte,  daß  Argentinien  in  Berlin  das
Versprechen  fordern  sollte,  keine  argent.  Schiffe  mehr  in  Grund  zu  bohren,
und  im  Weigerungsfalle  solle  man  die  Beziehungen  abbrechen.  Ich  rate,
das  abzulehnen,  eventuell  die  spanische  Vermittlung  zu  erbitten.  gez.  Luxburg.

9.  Juli  1917.  Nr.  64.  Ich  bitte  die  Antwort  an  Argentinien,  ohne
irgendwelche  Neigung  zu  Zugeständnissen  zu  zeigen,  hinauszuschieben  bis
zum  Empfang  weiterer  Berichte.  Ministeriumswechsel  ist  wahrscheinlich.
Bezüglich  der  argent.  Dampfer  rate  ich,  sie  zur  Umkehr  zu  zwingen  oder  sie
ohne  Hinterlassung  von  Spuren  zu  versenken  oder  ihnen  freie  Durchfahrt
zu  geben.  Sie  sind  alle  sehr  klein.  gez.  Luxburg.

Die  „Köln.  Ztg.“  bemerkt  dazu:  Man  kann  verstehen,  daß  die  Veröffentlichung
  dieser  Telegramme  in  Argentinien  einen  unangenehmen  Eindruck
  gemacht  hat,  insofern  hat  Herr  Wilson  mit  seinem  Manöver  wahrscheinlich
  Erfolg  gehabt.  Aber  sie  können  nur  richtig  beurteilt  werden,  wenn
man  nicht  verhiht,  daß  es  Geheimtelegramme  waren,  die  in  verabredeter
Schrift  gesandt  wurden,  weil  ihr  Inhalt  eben  nicht  für  fremde  Augen  bestimmt
  war.  Könnte  man  die  Chiffredepeschen  der  Verbandsdiplomatie  lesen,
man  würde  sicherlich  auf  noch  drastischere  Wendungen  stoßen,  als  in  den
obigen  Telegrammen  zu  finden  sind.  Die  feindliche  Presse  hält  sich  da  besonders
  an  den  Ausdruck  in  der  ersten  und  dritten  Depesche,  wo  Graf  v.
Luxburg  den  Rat  gibt,  argent.  Schiffe  gegebenenfalls  spurlos  zu  versenken.
Aber  auch  hier  muß  man  nach  dem  wahren  Sinn  des  Ausdrucks,  nicht
nach  der  Form  fragen.  Der  Ausdruck  spurlos  soll  nicht  bedeuten,  daß  das
betreffende  Schiff  mit  Mann  und  Maus  versenkt  werden  soll,  sondern  daß
es  so  versenkt  werden  soll,  daß  militärische  Nachteile  vermieden  werden,
daß  z.  B.  die  Versenkung  durch  ein  Unterseeboot  andern  Schiffen  verborgen
bleibt  und  deren  Führer  eher  auf  den  Untergang  durch  eine  Mine  raten.

Zu  dieser  Angelegenheit  s.  ferner  S.  798  f.,  806,  828,  Schweden,  10.  u.
19.  Sept.,  Ver.  Staaten,  8.  Sept.  und  Mittel-  und  Südamerika,  13.  Sept.

12.  Sept.  Der  „Vorwärts“  veröffentlicht  im  Auszuge  den
Bericht  des  soz.  Parteivorstandes  an  den  Würzburger  Parteitag
über  die  Geschäftsjahre  191417.