Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

36

April.

Königin  gerathen,  die  Annexion  der  italienischen  Herzogthümer  und  der
Romagna  anzuerkennen.

7.  April.  Garibaldi  kündigt  in  der  sardinischen  Kammer  eine  Motion
gegen  die  Abtretung  von  Nizza  an.  Cavour  erwidert,  da  die  Kammer
noch  nicht  constituirt  sei,  so  könne  sie  über  diese  Frage  nicht  discutiren.
Die  Kammer  stimmt  bei.

10.  Die  sardinische  Deputirtenkammer  wählt  mit  219  gegen  129
Stimmen  den  Candidaten  des  Ministeriums,  Lanza,  zu  ihrem  Präsidenten.


11.  Der  englische  Gesandte  in  Turin,  Sir  James  Hudson,  ladet
den  General  Garibaldi  und  die  einflußreichsten  Mitglieder  der  neapolitanischen
  Emigration  zur  Tafel  ein.

12.  Der  neue  Präsident  des  sardinischen  Parlaments  eröffnet
die  Kammer:  „11  Millionen  Italiener  bilden  nun  ein  Reich  unter
einem  Könige  und  mit  einer  Armee  von  200,000  Soldaten,  Dank
der  Vorsehung  und  dem  Kaiser  von  Frankreich.  Die  Einigkeit  macht
stark,  und  wir  haben  Einigkeit,  Geld  und  Waffen  nöthig,  um  die  Früchte
feierlicher  Acte  politischer  Weisheit  und  bürgerlichen  Muthes  zu  pflücken“".

—  Garibaldi  stellt  in  der  sardinischen  Kammer  seine  Motion  gegen
die  Abtretung  von  Nizza.  Die  Kammer  geht  „in  der  Hoffnung,  daß
die  Regierung  die  constitutionellen  Garantieen  aufrecht  halten  und  gleichzeitig
  für  eine  ersprießliche  Freiheit  des  Plebiscits  in  Savoyen  und
Nizza  Sorge  zu  tragen  wissen  werde“,  mit  starker  Majorität  zur  Tagesordnung
  über.

13.  Die  sardinische  Deputirtenkammer  genchmigt  die  Annexion
  von  Toskana  und  der  Emilia  in  dreifacher  Abstimmung,  zuerst
durch  Acclamation,  dann  durch  Namensaufruf  (214  Ja  von  215  Stimmen)
  und  endlich  durch  geheime  Abstimmung  (211  von  213  Stimmen).
Der  Abgeordnete  Massei  bedauert,  daß  die  Annexion  Toskanas  nicht
vollkommen  sei,  weil  es  eine  besondere  Verwaltung  habe  und  daher  im
Provisorium  bleibe.  Der  Minister  Farini  antwortet,  daß  die  Reglerung
  den  festen  Willen  habe,  Toskana  dauernd  zu  organisiren;  Verfassung
  und  Grundgesetze  von  Sardinien  werden  sofort  dort  eingeführt
werden.  ·

14.  Die  sardinische  Deputirtenkammer  geht  mit  großer  Mehrheit
über  die  Petitionen  aus  Nordsavoyen  zur  Tagesordnung  über.  Es
wird  in  diesen  Petitionen  verlangt,  daß  man  die  Annexionsabstimmung
weiter  fasse  und  namentlich  auch  über  den  Anschluß  an  die  Schweiz
abstimmen  lasse.  Die  Kammer  vertagt  sich  darauf  auf  den  1.  Mai.
Die  Deputirten  werden  eingeladen,  dem  Könige  auf  seinen  Reilsen  nach
Mittelitalien  das  Ehrengeleit  zu  geben.

4.  April.  Die  Mehrheit  der  schweiz.  Bundesversammlung  ist  gegen

  eine  militärische  Besetzung  des  neutralen  Theiles  von  Savoyen,

da  dieselbe  zu  einem  Kriege  mit  Frankreich  führen  könnte  oder  müßte,

indem  die  Schweiz,  ohne  Zweifel  von  keiner  einzigen  Großmacht
unterstützt,  nothwendig  unterliegen  würde.  Sie  ertheilt  daher  dem
Bundesrathe  die  von  ihm  geforderten  unbedingten  Vollmachten  erst,
nachdem  sich  die  von  ihr  niedergesetzten  Commissionen  vergewissert
hatten,  daß  der  Bundesrath  die  Ansprüche  der  Schweiz  auch  ferner
nur  auf  dem  Gebiete  der  Unterhandlungen  weiter  verfolgen  werde.
Der  Bundesrath  entläßt  daher  die  aufgebotenen  Truppen  größtentheils
  wieder.

5.  April.  Die  Schweiz  stellt  in  einer  Note  an  alle  Mächte  das  bestimmte

Gesuch,  es  möchte  eine  Conferenz  zusammentreten,  um  die  Savoyerfrage
  zu  erledigen.