Full text : Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Sachsen vom Jahre 1845. (11)

Ein  unvergeßlicher  Augenblick  war  die  Vereidigung  der  Rekruten
des  Regiments,  die  in  der  Eingangshalle  zum  großen  Treppenhause
im  Schloß  in  Gegenwart  des  Kaisers  stattfand.  Hoch  über  den
versammelten  Soldaten  und  dem  Treppenabsatz,  umrauscht  von  den
zerschossenen  Fahnen  des  Regiments,  stand  der  Oberste  Kriegsherr,
weiter  rückwärts,  etwas  erhöht  auf  dem  nächsten  Treppenabsatz,  die
Kaiserin,  ihr  zur  Seite  ich.  Machtvoll  und  feierlich  stieg  der  Schwur
des  Fahneneides  zu  der  ehrfurchtgebietenden  Gestalt  des  greisen
Kaisers  empor.  Nach  dem  Schwur  einige  kurze,  knappe  Ermahnungen
des  Kaisers  an  die  jungen  Krieger,  dann  die  Erwiderung  des
Regimentskommandeurs  mit  dem  Treugelöbnis  für  das  ganze  Regiment
  und  drei  donnernden  Hurras,  am  Schluß  „Heil  dir  im  Siegerkranz“.
  Auf  den  Gesichtern  aller  Teilnehmer  an  der  Feier  spiegelte
sich  tiefe  Ergriffenheit.  Zum  Abschied  reichte  der  Kaiser,  selbst  bewegt,
dem  Regimentskommandeur  dankend  die  Hand  und  ebenso  dem
General  v.  Goeben.  Ich  sah  in  dem  Augenblick  die  Hand  des
Katsers  in  der  seines  Feldherrn  ruhen,  des  Siegers  von  St.  Ouentin,
der  ihm  die  Kaiserkrone  mit  hatte  erstreiten  helfen.  Auch  mir  wurde
es  feucht  vor  den  Augen.  Meine  Großmutter  flüsterte  mir  ins  Ohr:
„St.  Ouentin-Versailles-Koblenz,  das  merk  dir  für  dein  Leben!“

Ich  habe  es  nicht  vergessen.

*  k

So  manchen  Sonntag  habe  ich  in  meiner  Bonner  Zeit  bei  meinen
Verwandten  in  Darmstadt  zugebracht,  ich  fuhr  dann  meist  Freitag
nachmittag,  da  Sonnabend  kollegfrei  war,  fort,  und  kam  Montag
früh  zurück.  Schon  die  Fahrt  durch  das  liebliche  Rheintal  in  den
verschiedenen  Jahreszeiten  war  ein  hoher  Genuß  für  mich,  noch  schöner
aber  sollte  es  immer  in  Darmstadt  werden.  Großherzogin  Alice  von
Hessen-Darmstadt,  die  Gemahlin  des  Großherzogs  Ludwig,  war  eine
Schwester  meiner  Mutter,  klug,  tief  religiös,  unendlich  liebevoll  und
gütig,  für  mich  gleichsam  eine  zweite  Mutter.  Ich  fühlte  mich  wie

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