Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Vorderafien

Hamrin  zu  vertreiben  und  ganz  auf  das  westliche  Ufer
zu  werfen,  sowie  den  übergang  über  den  Zabfluß
nahe  bei  der  Mündung  zu  erzwingen.  Auch  auf  diesem
  Kriegsschauplat  gelang  es  den  Engländern,  den
Feldzug  durch  einen  entscheidenden  Sieg  zu  beenden.
Die  Türken  griffen  am  26.  Okt.  bei  Kalat  Shergat
am  rechten  Tigrisufer  entschlossen  an,  stießen  auf  unüberwindlichen
  Widerstand  und  mußten  einen  geschickt
angesetzten  Gegenangriff  weichen.  Die  mit  Kavallerie
unverzüglich  eingeleitete  wirksame  Verfolgung  brachte
den  britischen  Truppen  bis  zum  30.  Oktober  über
8000  Gefangene  ein.  Einer  englischen  Streifkolonne
war  es  gelungen,  Baku  am  Kaspischen  See  zuerst
zeitweilig,  später  endgültig  in  Besitz  zu  nehmen.

Hiermit  wir  die  völlige  Beherrschung  Persiens  und
die  absolule  Sicherung  der  Baghdader  Grundstellung
erreicht.  Weiteren  Fortschritten  machte  der  Waffenstillstand
  vom  30.  Okt.  1918,  am  31.  Okt.  in  Kraft
tretend,  ein  Ende.

IV.  Die  Kämpfe  am  Suczkanal,  auf  der  Sinaihalbinsel,
  in  Palästina  und  Syrien!.

Eine  der  Lebensadern  Großbritanniens,  den  Suezkanal,
  abzuschnüren  und  in  Verbindung  damit  den
Vasallenstaat  Agypten  wiederzuerobern,  war  bel
Eintritt  in  den  Krieg  eins  der  Hauptziele  der  Türkei.
England  hatte  den  von  der  Pforte  ernannten,  ihm  mißliebig
  gewordenen  Khediven  Abbas  Hilmi  für  abgesetzt
erklärt  und  den  ihm  ergebenen  Prinzen  Hussein-Kamel.
  Enkel  des  früheren  Khediven  Ismail  Pascha,
zum  Khediven  ernannt.  Das  für  den  gedachten  Zweck
in  Palästina  bereitgestellte  türkische  Heer,  die  4.  Armee
unter  Dschemal  Laf  cha,  mit  dem  deutschen  Stabsoffizier
  Kreß  v.  Kressenstein  als  Generalstabschef,
hatte  das  Wüstengebiet  der  Sinaihalbinsel  auf  drei
verschiedenen  Wegen  zu  durchqueren  und  den  Kanal
gleichzeitig  an  drei  seiner  empfindlichsten  Stellen  anzufallen.
  Obwohl  türkische  Vorhuten  bereits  am
22.  Nov.  1914  am  Kanal  erschienen  waren,  verzögerle
sich  der  Vormarsch  des  Gros  infolge  der  mangelbotten
  Vorbereitung  und  der  Schwierigkeit  des  Nachchubs
  bis  in  den  Januar  hinein.  Hierdurch  fiel  das
wichtige  Moment  der  überraschung  aus;  die  Engländer
  gewannen  Zeit,  die  notwendigen  Verteidigungsmaßnahmen
  zu  treffen  und  ein  dem  Invasionsheer
an  Stärke  überlegenes  Heer  zu  versammeln.  Der
britische  Oberbefehlshaber,  General  Maxwell,  verlegte
  die  Verteidigung  auf  die  Kanallinie  selbst  und
stlitzte  sie  auf  die  große  artilleristische  Feuerkraft  und
die  Beweglichkeit  der  im  Kanal  liegenden  Kriegsschiffe.
Den  65000  Mann  Dschemals  konnte  Maxwell  Ende
Januar  1915  fünf  Divisionen  indischer  und  neuseeländischer
  Truppen  (90000  Manny  entgegenstellen.

Bei  El  Katieh  und  El  Kubri  kam  es  am  28.  Jan.

u  Zusammenstößen  weit  vorgeschobener  türkischer
Pockeuppen  mit  angloindischen  Sicherungsposten.
Beide  Gefechte  verliefen  für  jene  ungünstig.  Stärkere
türkische  Kräfte  Hriffen  am  7.  und  9.  Febr.  die  Stellungen
  von  El  Kantara,  Ismailia  und  Tussum
an,  wurden  aber  von  den  Briten,  besonders  durch  überlegenes
  Artilleriefeuer,  leicht  abgewiesen.  Die  Folge
war,  daß  die  Türken  wieder  in  die  Wüste  zurückwichen
und  behufs  Erleichterung  eines  weiteren,  mit  schwerer
Artillerie  durchzuführenden  Angriffs  eine  Feldbahn
durch  das  Wüstengebiet  zu  bauen  begannen.

Es  trat  nun  ein  Stillstand  in  den  Unternehmungen

Bgagl.  die  Karten  Bd.  II,  S.  135  und  116)/7.
Der  Krieg  1911/19.  11I.

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ein,  der  bis  in  die  Mitte  des  Jahres  1916  währte  und
nur  durch  gelegentliche  forcierte  Erkundungsunternehmen
  ins  Wüstengebiet  zwischen  dem  Suezkanal
und  der  türkisch-ägyptischen  Grenze  unterbrochen
wurde,  so  daß  die  Lage  über  entscheidungslose  Aktionen
nicht  hinauskam.  Dadurchenistand  für  beide  Parteien
eine  fortgesetzte  Bindung  nicht  unbedeutender  Kräfte.
die  man  anderen  Ortes  sehr  gut  hätte  gebrauchen
können.  Eine  dauernde  Unterbrechung  des  Schiffsverkehrs
  im  Kanal  ist  trotz  der  türkischen  Bedrohung
nie  eingetreten.  Andrerseits  gelang  es  der  englischen
Diplomatie  und  wahrscheinlich  mehr  noch  dem  englischen
  Golde,  der  Pforte  einen  neuen  Gegner  aufzubürden.
  Der  Großcecherif  von  Mekka,  der  höchste  geistliche
  Würdenträger  der  heiligen  Stadt,  erhielt  von
England  den  Titel  als  -König  von  Arabien=  zuerkannt,
  weil  er  als  abgesagter  NW:  der  Jungtürken
dem  Kalifat  in  Konstantinopel  die  Berechtigung,  gegen
die  Ententemächte  den  Heiligen  Krieg  zu  verkünden,
abgesprochen  und  Arabien  als  von  der  Pforte  unabhängigen
  Staat  proklamiert  hatte.  Die  Araberstämme
entrollten  nun  die  Grüne  Fahne  des  Propheten  nicht
für,  sondern  gegen  Konstantinopel.  Diese  von  Osten
drohende  Flankierungsgefahr  veranlaßte  Dschemal
Pascha,  einen  zweiten  Zug  gegen  Aaypten  zu  unterlassen,
  zumal  auch  in  Syrien  Anzeichen  der  Unzufriedenheit
  und  ernste  Unruhen  zu  beobachten  waren.

Nach  Fertigstellung  der  Feldbahn  auf  der  Trasse
der  1799  von  Bonaparte  benutzten  syrischen  Karawanenstraße
  trat  der  neue  britische  Oberbefehlshaber,
Sir  Murray,  mit  einem  kombinierten  Geschwader
von  Kriegs=  und  Handelsschiffen  in  steter  Verbindung
bleibend,  an  der  Spitze  eines  für  die  Expedition  nach
Syrien  musterglültig  ausgerüsteten  Heeres  im  Dezember
  1916  den  Vormarsch  an  die  ägyptisch-türkische
Grenze  an.  Die  britische  Angriffsoperation  führte  in
erster  Linie  zur  Besetzung  von  El-Arisch  und  zur
Einnahme  von  Rafa.  Im  März  1917  gelangten
die  Engländer  kampflos  bis  Gaza.  Ein  Versuch  des
Generals  Dobell,  den  wichtigen  Platz  durch  Handstreich
  zu  nehmen,  mißlang  unter  schweren  Verlusten;
der  am  folgenden  Tage  unternommiene  starke  Angriff
der  Türken  auf  die  englische  Stellung  scheiterte  gleichfalls
  (1.  Schlacht  bei  Baza,  27.  u.  28.  März  1917).
In  einer  2.  Schlacht  um  den  historisch  denkwürdigen
Ort  (17.  April)  drangen  die  Briten  wieder  nicht  durch,
erstritten  sich  jedoch  Stellungen,  von  denen  aus  der
Stellungskrieg  gegen  die  starke  türkische  Linie  Gaza-Beerseba
  mit  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  geführt
werden  konnte.  Dem  britischen  Vormarsch  längs  der
Meeresküste  entsprach  ein  solcher  im  Innern  der  Sinaihalbinsel,
  zu  dem  Zweck,  das  Gebiet  von  den  türkichen
Postierungen  an  der  Mekkapilgerstraße  zu  säubern
und  für  die  längs  der  Hedschasbahn  von  Süden  her
erwartete  Unterstützung  durch  den  arabischen  Aufstand
den  Weg  frei  zu  machen.

Nachdem  sich  die  Gegner  7  Monate  lang  in  ihren
Stellungen  gegenübergestanden  hatten,  eröffnete  der
von  der  Westfront  berufene  neue  Oberbefehlshaber
General  Allenby  die  Operationen  31.  Okt.  1917
durch  die  Eroberuny,  des  strategisch  hochwichtigen
Punktes  Beerseba,  des  früheren  kürk.  Hauptetappenortes
  beim  Vormarsch  nach  Agypten,  jetziger  Kopfstation
  für  die  Deckung  von  Palästina.  Dadurch
wurde  die  Grzastellung  unhaltbar.  Ein  unverzüglich
mit  dem  linken  Flügel  und  der  Mitte  einsetzender
Angriffbrachte  Allenby  in  den  Besitz  der  gesamten  türlischen,
  von  der  Meeresküste  über  Baza  bis  Beerseba.