VBentsches NReich. (Okt. 5.) 329
Handlung entgegen, die ich als leitender Staatsmann des Reiches unternommen
habe. Wie dieses Ergebnis auch ausfallen möge: Ich weiß, daß
es Deutschland fest entschlossen und einig finden wird — sowohl zu einem
redlichen Frieden, der jede eigensüchtige Verletzung fremder Rechte von
sich weist, als auch zu dem Endkampf auf Leben und Tod, zu dem unser
Volk ohne eigenes Verschulden gezwungen wäre, wenn die Antwort der
mit uns im Kriege stehenden Mächte auf unser Angebot von dem Willen,
uns zu vernichten, diktiert werden sollte. Kein Zagen befällt mich bei dem
Gedanken, daß dieses zweite Ergebnis eintreten könnte, denn ich kenne die
Größe der gewaltigen Kräfte, die auch jetzt noch in unserem Volke vorhanden
sind, und ich weiß, daß die unwiderlegliche Ueberzeugung, um gar
nichts weiter, als um unser Leben als Nation zu kämpfen, diese Kräfte verdoppeln
würde. Ich hoffe aber, um der gesamten Menschheit willen, daß
der Präsident der Ver. St. unser Angebot so aufnimmt, wie wir es meinen.
Dann wäre die Tür zu einem baldigen, ehrenvollen Frieden des Rechts
und der Versöhnung sowohl für uns wie für unsere Gegner geöffnet. „Lebh.
Beif. des ganzen Hauses. Zwischenrufe bei den U. So#z.)
Nach dem Kanzler spricht nochmals Präsident Fehrenbach: Die
hochbedeutsamen Ausführungen, die wir von dem Herrn Reichskanzler soeben
vernommen haben, werden Gegenstand eingehender Erörterungen in
den nächsten Sitzungen sein. Aber über das Friedensangebot an den
Präsidenten Wilson gestatten Sie mir ein kurzes Wort. Friede, welch
tröstendes, hoffnungsreiches Wort! Es würde die Erlösung der Menschheit
von einer Oual von Jahren bedeuten, Frauen und Kinder würden diesen
Frieden, wenn auch unter Tränen, begrüßen, und unsere Soldaten werden
es begrüßen, wenn sie in hartem Kampfe einem wirklichen Frieden der
Verständigung die Wege geebnet haben, der allein Garantie der Dauer in
sich trägt. Unser Volk blickt mit Stolz auf sein kampferprobtes Heer und
auf seine tapfere Marine. Das deutsche Volk beklagt tief und empfindet auf
das schmerzlichste die Wunden, die ihm nicht bloß draußen an der Front,
sondern auch bei uns in der Heimat geschlagen sind. Aber ebenso wie jeder
einzelne Soldat an der Front, so ist auch jeder Deutsche daheim bereit,
für das Vaterland, wenn es gefordert werden sollte, jedes Opfer zu bringen.
(Beifall.) Möchten indessen solche Opfer uns erspart bleiben! Denn das
deutsche Volk wünscht den Frieden, nicht den Krieg, ebenso wie alle anderen
Völker sehnt es den Frieden herbei, der diesem furchtbaren Blutvergießen
ein Ende bereitet. Deshalb begrüßen wir den uns mitgeteilten Schritt der
Regierung, der uns eine wenn auch nur unbestimmte Aussicht auf den
Frieden eröffnet. Im Namen des deutschen Volkes und des Reichstages,
dessen große Mehrheit mit diesem bedeutungsvollen Schritt einverstanden
ist, erkläre ich, daß wir das Friedensangebot billigen und uns zu eigen
machen. (Lebh. Zustimmung.) Ich glaube annehmen zu dürfen, daß die
Fraktionen nunmehr zunächst das Bedürfnis haben, sich in einem Meinungsaustausch
über die Rede des Kanzlers selbst zu besprechen. Ich schlage
Ihnen deshalb vor, sich zu vertagen und den Präsidenten zu ermächtigen,
die nächste Sitzung einzuberufen, sobald die Verhältnisse es erfordern.
Abg. Haase (U.Soz.): Namens meiner Fraktion widerspreche ich
diesem Vorschlag und beantrage, die Debatte über die Erklärungen des
Reichskanzlers zu eröffnen und zu diesem Zweck eine Sitzung auf Montag
(7.) anzuberaumen. Das Wassfenstillstandsangebot und das Ersuchen um
Einleitung sofortiger Friedensverhandlungen auf Grundlage der Wilsonschen
Erklärungen sind von welthistorischer Bedeutung. Wir sind mit diesem Schritt
einverstanden, denn wir halten ihn für eine Rechtfertigung der Stellung,
die wir von Beginn des Krieges an eingenommen haben. (Sehr wahr! b.