214 Zweiter Zeitraum.
über die weite Ebene stiegen in allen Zungen der Völker Europas Dank—
gesänge zum Himmel empor.
Schwarzenberg weigerte sich, den nach seiner Meinung immer noch zu
fürchtenden Feind zu verfolgen; so konnte Napoleon ein Heer von 90000
Mann — meistens Franzosen — ungehindert abführen, während seine Verbündeten,
Italiener, Polen und Deutsche, zur Verteidigung Leipzigs zurückblieben.
Am Morgen des 19. begann der Angriff auf die Stadt, die noch
hartnäckig verteidigt wurde. Aber immer weiter drangen Blücher im Norden,
Bülow im Osten vor; gegen Mittag erstürmte Major Friccius mit der Königsberger
Landwehr das Grimmaische Thor. Noch war die Stadt von Feinden
überfüllt; in den durch zahllose Wagen und Geschütze gesperrten Straßen
drängten sich die Flüchtigen. Erst vor zwei Stunden (um elf Uhr) hatte
man dem Kaiser mit Mühe einen Ausweg aus diesem Knäuel gebahnt. Durch
die Geschosse der eindringenden Sieger stieg die Verwirrung aufs höchste;
da wurde auch noch die Elsterbrücke zu früh in die Luft gesprengt. Entsetzen
packte die Zurückgebliebenen; einige kamen schwimmend hinüber, andere
ertranken im Fluß, unter ihnen auch Poniatowski, der erst eben auf dem
Schlachtfelde zum Marschall ernannt war; die übrigen, 30000 Mann, wurden
gefangen genommen. Um ein Uhr zogen die verbündeten Monarchen in die
croberte Stadt ein. Blücher wurde von seinem dankbaren Könige zum Generalfeldmarschall
ernannt, der König von Sachsen als Gefangener nach Berlin
geschickt. Große, schmerzliche Opfer hatte der Krieg gekostet. Von den Tausenden
der Verwundeten wurden wenige gerettet; denn wo waren die Hände
für so viele?! Dennoch ging ein Siegesjubel durch Deutschland: Begeistert
sang Arndt:
Die Welschen hat Gott verweht wie den Sand;
Viel Tausende decken den grünen Rasen
Die übrig blieben, entflohn wie Hasen, Napoleon mit.
Laß Witwen und Bräute die Toten klagen,
Wir singen noch fröhlich in spätesten Tagen
Die Leipziger Schlacht.
Nach Paris.
Fast ungehindert erreichte Napoleon den Rhein; nur bei Hanau trat
ihm General Wrede mit Bayern, die bei Leipzig nicht mitgefochten hatten,
und Osterreichern entgegen, gab ihm aber dadurch nur die Möglichkeit, mit
einem Siege aus Deutschland zu scheiden. Der Rheinbund löste sich auf,
die ehemals preußischen, hannoverschen, oldenburgischen Gebiete kehrten unter
ihr früheres Herrscherhaus zurück; der wiederzurückgekehrte Hieronymus verließ
Kassel zum zweitenmal. In den befreiten norddeutschen Gebieten erwachte
jetzt eine ähnliche Begeisterung, wie zu Anfang des Jahres im Osten,
der Süden aber blieb ruhig; ja mehrere Rheinbundfürsten stellten ihre Truppen
nur gezwungen zum Kampfe gegen Frankreich, und dennoch gewährleistete
ihnen Osterreich die volle Sonveränität und ihren uneingeschränkten Besitz!
Napoleons Heer war jenseit des Rheins zusammengebrochen, Frankreich war
wehrlos, aber die Verbündeten nutzten diesen Vorteil nicht aus. Bernadotte